Quo vadis Bürgerinnen und Bürger von Anger-Crottendorf?

  • Veröffentlicht: Samstag, 05. November 2022 10:07

Unter einem Eintrag auf der Facebook-Seite des Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. Ende März zu den neuen Gehwegen im Stadtteil und dem Artikel „Gehwege für Alle“ aus der Ausgabe 16 des Anger-Crottendorfer Anzeigers entspann sich wieder einmal eine alte, zähe Diskussion.

Dennoch lohnt sich der Blick auf die Kommentare einer Nutzerin dort, die das Problemfeld recht gut beschreibt.  

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. war, der dafür den Anstoß gab, dass einige Gehwege im Stadtteil nicht nur Kindern wieder zur Verfügung stehen, sondern allen Zufußgehenden. Klassische Bürgervereinsarbeit also!
 
Wenn der Fußweg in der Friedrich-Dittes-Straße nun nicht mehr von Autos beparkt, sondern von Radfahrenden genutzt wird, kann man auf die Radfahrenden schimpfen. Man kann dem Bürgerverein (kurzsichtig) irgendeine Schuld daran zuweisen und nach Vereins-Konzepten gegen das Radfahren auf Gehwegen schreien.

Man kann aber auch kurz innehalten und sich einmal die Frage stellen, warum denn das Radfahren dort passiert. Auch wenn es natürlich laut Straßenverkehrsordnung (bis auf einige Ausnahmen) verboten ist, auf dem Gehweg zu radeln, kann man trotzdem über die Gründe nachdenken, weshalb einige Radfahrer*innen hier den Fußweg nutzen. Der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. ist keiner davon.

Die Fahrbahn ist in einem extrem schlechten Zustand. Es ist eine Einbahnstraße. Die Fahrbahn ist zu schmal für Rad- und Autoverkehr zugleich (Folge- wie Gegenverkehr). So gut wie alle Radfahrenden haben zudem schon einmal schlechte Erfahrungen mit Autofahrenden gemacht, die den Stärkeren markierten. Da merkt jede/r schnell: Es gibt auf dem Rad keine Knautschzone. Da ist der Gehweg doch sicherer.

Und: Die Strecke ist im Radverkehrsentwicklungsplan der Stadt als innerstädtische Radverbindung der Kategorie IV markiert. Das heißt, dass ist nicht einfach nur eine unbedeutende Nebenstraße wie die Seeger Straße z.B., sondern eine Wegeverbindung mit Bedeutung für den Radverkehr. Denn hier wird verbunden: Wurzner Straße, KGV "Selli", Hanns-Eisler-Straße, Friedrich-Dittes-Straße, Liselotte-Herrmann-Park, Martinstraße und weiter Richtung Süden. Und diese Verbindung wird eben auch genutzt.

Nur fehlt es an allen Ecken und Enden in Leipzig an sinnvoller Radinfrastruktur. Auch dafür gibt es viele verschiedene Gründe. Würde es in der Friedrich-Dittes-Straße eine fahrradgerechte Infrastruktur geben, dann würden die Radfahrenden nicht auf dem Gehweg fahren. Dann sehe die Straße aber auch ganz anders aus. Und daran muss natürlich noch gearbeitet werden. Klassische Bürgervereinsarbeit also?
Die Diskussion zur Aufteilung/ Nutzung des öffentlichen Raums (Flächengerechtigkeit) wird seit vielen Jahren in der Stadt geführt, auch im Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V., auch im Anger-Crottendorfer Anzeiger. Die Stadtgesellschaft und die Stadtpolitik hatten vor vielen Jahren schon ausführlich ausdiskutiert und letztendlich beschlossen, in welche Richtung es heute und in Zukunft im Bereich Verkehr in dieser Stadt geht. Kurz: Weg vom privaten Auto, hin zum Umweltverbund aus ÖPNV, Rad und Fuß (und Carsharing). Gründe dafür gibt es ebenfalls viele. Der Wichtigste: In einer gewachsenen Stadt mit 600.000+ Einwohner*innen können eben nicht alle ein eigenes Auto haben. Dazu reicht der Platz nicht aus. Da wir aber alle mobil bleiben wollen, braucht es Alternativen und Angebote.
Und der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. trommelt und wirbt exakt dafür und tut und macht exakt das, was vor vielen Jahren beschlossen wurde. Das sollte also niemanden überraschen.

Dass Gehwege wieder Zufußgehenden zur Verfügung stehen, ist genau das, was die Nutzerin bei Facebook in einem weiteren Kommentar beschreibt: „Ich bin Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger und möchte auch als solcher akzeptiert werden.“ Ja, neben dem Autofahren kann sie jetzt auch wieder zu Fuß gehen. Beim Radfahren und ÖPNV hakt es allerdings noch. Aber auch da ist der Bürgerverein dran.

Der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. arbeitet seit sieben Jahren im Stadtteil, immer offen, immer transparent, immer in die Zukunft gewandt. Die Bürger*innen können an der Arbeit partizipieren, aktiv durch persönliches Engagement und passiv z.B. durch das Lesen seiner Veröffentlichungen, analog wie digital. Damit sind auch alle auf dem Laufenden, es gibt keine Überraschungen.

Im vergangenen Jahr hat sich ein alternativer Verein gegründet. Dieser versucht Entscheidungen, die die Stadtpolitik vor vielen Jahren ausdiskutiert und beschlossen hat,  anzugreifen. Es werden Leuten Versprechungen gemacht, Lügen, Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen verbreitet. Wenn es den eigenen Wünschen hilft, wird die AfD zur Unterstützung in Anspruch genommen. Man arbeitet sich am Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. selbst und an seiner Vorsitzenden öffentlich ab.

Seit dieser Vereinsgründung sind Spannungen im Viertel spürbar, die die Facebook-Nutzerin mit „Hass“ beschreibt. Und sie hat recht: „Dieser Hass Autofahrer gegen Radfahrer und andersrum bringt niemanden weiter.“ Ihr Wunsch nach einem „Miteinander“ ist völlig nachvollziehbar.

Und auch hier kann man – oder vielleicht auch die Nutzerin selbst – kurz innehalten und sich fragen, welchen Beitrag solch ein alternativer Verein mit eben diesem Verhalten zu dem benannten Miteinander beiträgt.

Es liegt somit bei jeder Bürgerin und jedem Bürger selbst, wem sie oder er nachläuft. Wem sie oder er auf dem Leim geht. Ob sie oder er sich Hassbotschaften und Verschwörungsmythen zu eigen macht – oder wirklich an der Zukunft von Anger-Crottendorf mitarbeitet.

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