„Alle seh‘n den Garten, aber niemand sieht den Spaten“

  • Veröffentlicht: Montag, 19. April 2021 21:18

„Für viele Konsumenten in der Stadt ist völlig klar, die Landwirtschaft kostet Milliarden, quält Tiere, vergiftet Böden und Grundwasser und ist außerdem klimaschädlich. Für die Bauern auf dem Land ist völlig klar, sie schuften sich den Rücken krumm und sind doch ständig kurz vor der Pleite, weil es den Städtern einerseits an der Supermarktkasse nicht billig genug sein kann und sie andererseits nach immer noch mehr Vorschriften und Kontrollen für die Landwirtschaft schreien. In einem Punkt aber sind sich beide Seiten einig: So weitergehen kann es nicht.“ Mit diesen Worten moderierte kürzlich Max Moor einen Beitrag für das Kulturmagazin Titel Thesen Temperamente im Ersten an.

In dem Beitrag ging es um eine Landwirtschaftskultur, die ihren Namen auch verdient und die im Moment vorherrschende Diskrepanz zwischen Stadt- und Landmenschen. Viele Menschen denken immer öfter darüber nach, was sie essen wollen und auch wo dies herkommt. Regional, saisonal und unter nachhaltigen Gesichtspunkten angebaut wird immer wichtiger. Vorgaben, die die moderne Landwirtschaft zu zerreißen drohen.

Ganz anders läuft es hingegen im Stadtgarten ANNALINDE. Der Anger-Crottendorfer Anzeiger (ACA) war unter bestmöglichen Schutzbestimmungen zu einem Rundgang zu Besuch, bevor das arbeitsreiche Frühjahr alle Gärtnernden voll beschäftigt. Jan Obracaj leitet die Gärtnerei und führte über das Gelände.

Seit vier Jahren gibt es den Ableger der ANNALINDE im Leipziger Osten, Am Güterring 4. Auf dem Gelände der ehemaligen Ausbildungsstätte des Berufsförderungswerks entstand ein kleiner Gärtnereibetrieb für Gemüse, der nun in seine dritte volle Saison geht. Bis zu zehn  Stadtgärtner*innen produzieren da Gemüse, wo es auch konsumiert wird.

Eingekeilt zwischen dem Ostfriedhof und der Lottozentrale erstreckt sich das ca. 0,5 ha große Areal. Jan Obracaj sitzt in der wärmenden Sonne und bespricht mit seinen Kolleg*innen den Tagesablauf, bevor er Zeit für den ACA hat. Noch ist zwar nicht viel zu tun, denn die Beete sind an diesem Tag noch schneebedeckt. Dafür laufen auf ca. 500 m² in den beiden Folienzelten und dem Gewächshaus schon die ersten Arbeiten, kleine Pflänzchen recken sich aus den Töpfen.

„Wir bauen hier 10 verschiedene Sorten Salat an, 15 verschiedene Tomtenpflanzen, Zucchini, Kohlrabi, Möhren, Spinat, Kohl“, sagt Obracaj auf dem Weg durch die Gewächshäuser. Vermarktet werden die Produkte über die Gemüsekisten, die Menschen bestellen und an verschiedenen Orten der Stadt abholen können. „Im Sommer packen wir wöchentlich 100 Gemüsekisten, im Winter dann nur aller zwei Wochen. Für zehn Kisten können wir hier im Leipziger Osten anbauen, der Rest kommt aus dem Westen der Stadt.“ Weitere Abnehmer sind die Leipziger Unverpackt-Läden, die Schwarzwurzel (eine Einkaufsgenossenschaft) oder auch Caterer. Gegärtnert wird nach den Richtlinien des biologischen Landbaus.

„Die ANNALINDE ist ein Krisengewinner“, so Obracaj. „Während der Corona-Krise konnten hier alle weiter arbeiten – mit kleinen Einschränkungen – und die Nachfrage nach regionalen Erzeugnissen ist stark gestiegen. Die Menschen scheinen sich wirklich mehr Gedanken darüber zu machen: Wie will man leben? Wo kriegt man seine Lebensmittel her?“ Die kleinen Einschränkungen betrafen das Hygienekonzept, welches natürlich auch in der Gärtnerei umgesetzt wurde. Das Team ist sehr eng und kollegial und es wurde untereinander ausdiskutiert wie das Konzept umzusetzen ist. Im Arbeitsalltag hat sich also eigentlich im vergangenen Jahr trotz Pandemie nichts gravierendes geändert. „Das war für uns alle eine große Stütze – auf einer psychischen Ebene. Wenn man nicht mehr so viele Leute treffen oder ausgehen konnte. Man hat hier seine Arbeit. Das ist schön.“

Im Januar 2022 wird die Fläche Richtung Süden erweitert. Dann soll es auch Kooperationen mit den Solidarischen Landwirtschaften (SoLaWi) in Taucha geben. „Dann wird es auch hier am Standort eine Abholstation geben und wir können dann Produkte, die wir nicht selbst anbauen von den SoLaWis bekommen und umgedreht.“ Somit wird es dann noch kundenfreundlicher, die Kisten noch umfangreicher.

Angekommen an der Friedhofsmauer stellt sich einem schon die Frage wie das ist, wenn an so einem Ort gegärtnert wird. „Unsere Nachbarn sind sehr friedlich“, sagt Obracaj und lacht. „Wir haben wenig Kontakt mit der Friedhofsverwaltung. Aber wenn wir eine Trauerfeier bemerken, dann  arbeiten wir natürlich leise weiter.“ Laute Gerätschaften kommen bei ANNALINDE sowieso sehr selten zum Einsatz. „Gemüsegärtnern ist halt Handarbeit.“

ANNALINDE startete vor fast zehn Jahren im Westen der Stadt. Damals fanden sich einige Enthusiasten zusammen um multifunktionale urbane Landwirtschaft zu betreiben. Neben dem gärtnern sollte aber auch ein Ort der Begegnung geschaffen werden, wo Menschen sich treffen und austauschen können. Darüber hinaus sollten aber auch grüne Flächen gesichert werden, die eben nicht zugebaut oder zugeparkt werden sollen. Eine Entwicklung die inzwischen auch den Leipziger Osten eingeholt hat, wo jede Baulücke auch bebaut wird.

ANNALINDE ist heute ein anerkannter Ausbildungsbetrieb und eine gemeinnützige GmbH.

Auf dem Rückweg fallen große kreisrunde Gebilde auf, die wie große Komposthaufen mit einem Schornstein aussehen. „Das war ein Kooperationsprojekt mit dem Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig und der Technischen Hochschule Dresden. Die Biomeiler sollten Wärme produzieren, die wir für die Aufenthaltscontainer und Gewächshäuser nutzen konnten.“ In den Komposthaufen sind Wasserschläuche verlegt. Das Wasser erwärmt sich durch den Rotteprozess. Die Forschenden wollten herausfinden, wie diese Haufen beschaffen sein müssen, z.B. belüftet oder nicht, damit man eine maximale Wärmeausbeute bekommt. Die auf zwei Jahre angelegte Projektphase ist inzwischen beendet, die technischen Einrichtungen abgeklemmt. „Den Kompost nutzen wir aber weiter. Der reicht für Jahre. Und vielleicht gibt es auch ein Anschlussprojekt“, so Obracaj.

Dem gelernten Gemüsebauer ist neben seiner Gärtnerarbeit aber auch noch etwas anderes wichtig - ein Grünes Klassenzimmer zu sein. „Ein Mal sollte jedes Leipziger Kind in der ANNALINDE zu Gast gewesen sein.“ Was im Westen gut funktioniert muss sich im Osten noch entwickeln. Daran wird noch gearbeitet und getüftelt. „Die Kinder sollen sauber hier her kommen und dreckig wieder gehen“, sagt Obracaj und strahlt. ANNALINDE möchte sich auch im Quartier weiter einbringen. Kooperationen mit Kindergärten und Schulen sind erwünscht.

Mit Blick auf die wärmere Jahreszeit freut sich Obracaj schon auf Besucher*innen, die einen Spaziergang durch die offene Gärtnerei unternehmen. „Dann heißt es wieder: Alle seh‘n den Garten, aber niemand sieht den Spaten.“

Und weil es noch viel zu tun gibt, bedankt sich der ACA bei Jan Obracaj für seine Zeit und wünscht der ANNALINDE ein ertragreiches Jahr.

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