Oberklasse statt Arbeiterklasse?

  • Veröffentlicht: Freitag, 14. Mai 2021 21:05

Die Menschen zieht es wieder in die Städte, Wohnraum wird knapp, Mieten steigen, bisherige Mieter*innen werden verdrängt. Die liberal-konservative Politik landauf landab fordert: „Bauen, bauen, bauen“, damit soll die Anzahl an Wohnungen steigen und die Mieten sinken.
Nun wird auch in Anger-Crottendorf an einem den Stadtteil prägenden Gebäude gebaut. Aber zu welchem Preis?

Die Karl - Krause - Fabrik soll neue Mieter*innen bekommen. Jahrzehntelang im Dornröschenschlaf gab es bisher nur neue Eigentümer*innen, die den wuchtigen Bau als Spekulationsobjekt betrachteten, sich (und ihren Anteilseigner*innen) die Taschen voll machten und das Gebäude dem Verfall preisgaben. Im Oktober 2020 hat sich dann ein Leipziger Projektentwickler die Teilungserklärung beurkunden lassen und ab da ging es ganz schnell. Seit einigen Wochen wird nun am Gebäude gewerkelt, die Einbauten entfernt.

Ende 2023 soll das Gebäude in der Theodor-Neubauer-Straße 60 neu erstrahlen, mit vier Gewerbe- und 123 Wohneinheiten, letztere mit Wohnungsgrößen zwischen 25,95 m² und 144,51 m². „Die Wohnungsgrößen sind so strukturiert, dass heutigen Wohnbedürfnissen mit modernen Raumprogrammen Rechnung getragen wird. Dabei fühlen sich Paare ebenso angesprochen wie Familien mit Kindern oder Singles“, heißt es im über 200 Seiten starken Exposé. Und weiter: In den Wohnräumen „wird ausschließlich hochwertiges Parkett als zeitloser und werterhaltender natürlicher Bodenbelag (verlegt). Die Innenausstattung ist überdurchschnittlich, der Wohnkomfort auf erstklassigem Niveau.“ Dazu kommen noch Design-Bäder, Einbauküchen, Terrassen, Loggien und ein Fitnessbereich.

Man merkt schon, Sozialwohnungen mit Mietpreisbindung werden das nicht. Wer seine Eigentumswohnung ab Ende 2023 dann vermieten möchte, kann Einnahmen „je nach Marktsituation und Mietverhandlungen voraussichtlich von ca. 9,00 bis 11,00 Euro/m²“ erzielen – kalt versteht sich. Bei Kaufpreisen der Wohneinheiten von „ca. 129.490,50 Euro bis 721.104,90 Euro“ ist das auch nötig und nichts für den/ die klassische/ n Anger-Crottendorfer*in.
Aber selbst wenn eine Sozialverträglichkeit gewollt wäre, die Gebäudegeschichte als Fabrik, der aktuelle, marode Zustand, und natürlich die Spekulationen der vergangenen Jahre, würden das Projekt verteuern – bis hin zur Unmöglichkeit. Auch die Soziale Erhaltungssatzung (Milieuschutzsatzung), welche für Teile Anger-Crottendorfs seit vergangenem Jahr gilt, greift hier nicht. Die Fabrik war bisher eben kein Wohnraum, welcher nun aufgewertet wird. Zudem endet das Erhaltungsgebiet an der Seegerstraße.

Interessant am Rand

Gegenüber der Karl-Krause-Fabrik entsteht eine Grundschule und ein Nachbarschaftszentrum – wie lange letzteres auch immer dauern wird (s. S. 16) - mit niedrigschwelligen Angeboten für Groß und Klein. Da wird es das eine oder andere Mal etwas lauter werden. Auch der Parkbogen wird sich weiter entwickeln. Gleich neben der Fabrik wird auf dem ehemaligen Haltepunkt der große Aufenthaltsbereich mit verschiedenen Möglichkeiten zum Sitzen oder Skaten sowie Spiel- und Sportangeboten angelegt. Also kurz, genau die Stelle, an der es dann von den Freiraum-Suchenden Party geben wird. Hinzu kommt „die freigehaltene Blickbeziehung zum alten Polygraphgebäude“, wie es im Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs zum Parkbogen heißt. Ob das dann in der alten neuen Karl-Krause-Fabrik noch der „Wohnkomfort auf erstklassigen Niveau“ ist, bleibt erst einmal offen.

Die seit November 2019 geltende Satzung der Stadt Leipzig über die Stellplatzpflicht (Stellplatzsatzung) macht es möglich. Die Karl-Krause-Fabrik bekommt nur 42 Tiefgaragenstellplätze dafür aber 129 Stellplätze für Fahrräder in der Tiefgarage und im Außenbereich. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit den Drahtesel in den zu jeder Wohnung gehörenden Abstellboxen auf der jeweiligen Etage abzustellen. Das ist genau das, was sich – demokratisch legitimierte – Verkehrswende nennt.

Der Kaufpreis für einen Tiefgaragenstellsplatz wird mit 34.900 Euro, für einen der beiden Außenstellplätze für PKW noch mit 12.900 Euro veranschlagt. Wenn man sich in Anger-Crottendorf dann mal so umsieht, können sehr, sehr viele Autofahrende froh sein, dass ihnen die Gesellschaft keine Rechnung stellt.

 

Lese-Tipp:
Was kosten Parkplätze oder „Wie wertvoll ist eigentlich der zugeparkte Straßenraum in Leipzig?“, aus der Leipziger Zeitung, online hier verlinkt.

 

Das Exposé mit allem Wichtigen, Grafiken, Visualisierungen, Grundrissen, findet sich im Internet, unter: www.krause-fabrik.de

 

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