Eine Quartiersgarage für Anger-Crottendorf

  • Veröffentlicht: Mittwoch, 14. Oktober 2020 21:58

Einige Teilnehmende des diesjährigen PARK(ing) Days hatten sich in den Diskussionen untereinander und mit dem Bürgerverein für ein Parkhaus ausgesprochen. Dies würde das Parkchaos verhindern und die Menschen könnten die Gehwege wieder ungehindert und gefährdungsfrei nutzen. So die Meinungen der Anwohnenden.
Der gleichen Meinung war auch ein Kandidat zur Oberbürgermeisterwahl im Frühjahr 2020. Quartiersgaragen, also Tiefgaragen in Innenhöfen, forderte auch der im Wahlkampf seltsam unsichtbare Sebastian Gemkow. Am Ende wurde nichts aus seinen Oberbürgermeisterträumen. Aber wie sieht es mit den Parkhäusern aus? Die Idee ist gut, nur gibt es da ein Problem. Das Geld.

Und damit ist nicht die finanzielle Lage in der Stadtkasse gemeint, sondern der Geldbeutel jedes einzelnen. Denn ein Stellplatz in einem Parkhaus erfordert Mietzahlungen – jeden Monat. Das schienen die Beführwortenden beim PARK(ing) Day und schien auch Herr Gemko bei ihren Argumentationen gern zu vergessen. Auf dem Gehweg wird ja meist kostenlos geparkt.
 
Aber über welche Beträge reden wir eigentlich? Ein Doppelparker-Platz in einer Tiefgarage in der Theodor-Neubauer-Straße kostet aktuell 70 Euro pro Monat. Der war zum Redaktionsschluss des ACAs übrigens noch zu haben – schon länger übrigens. Den gab es aber vor einigen Jahren noch für nur 45 Euro.
Ein Blick in die Vergangenheit und ans andere Ende der Stadt schafft Aufklärung.

Parkchaos gibt es nämlich in Leipzig schon viel länger. Anger-Crottendorf wurde davon erst in den letzten Jahren eingeholt. Wesentlich länger bestand dies nämlich in den umgangssprachlichen Gewinnervierteln – hier am Beispiel Schleußig.

Anfang der Zehnerjahre taten sich dort Anwohnende, Stadtverwaltung und ein Investor zusammen. Ziel war es, ein zu bebauendes Grundstück um eine Quartiersgarage (bzw. eine weitere Tiefgaragenebene)  zu erweitern, sodass Anwohnende des Viertels dort ihr Fahrzeug abstellen können und eben nicht mehr die Gehwege beparken. Nach mehreren Workshops mit Bürger*innenbeteiligung wurde der Bebauungsplan Nr. 415 "Quartiersgarage Rochlitzstraße" (Vorlage – VI-DS-01631) allerdings am 16.12.2015 von der Ratsversammlung aufgehoben. Heute ist das Grundstück immer noch nicht bebaut, aber man kann dort einen Stellplatz mieten – für 49 Euro pro Monat.

Was war passiert?

Dazu reicht ein Blick in die „Beschreibung des Sachverhaltes“ der genannten Vorlage. Dort ist zu lesen: „In vorangegangenen Gesprächen hatte der Grundstückseigentümer seine Bereitschaft erklärt, eine zusätzliche Tiefgaragenebene mit weiteren ca. 70 Stellplätzen zu errichten und an Dritte zu vermieten. Allerdings wurde die Errichtung und Betreibung dieser zusätzlichen Stellplätze nur dann als wirtschaftlich möglich eingeschätzt, wenn die Stadt Leipzig einen Investitionszuschuss in Höhe von ca. 1,65 Mio € beisteuert oder eine Mietausfallbürgschaft übernimmt. Die Höhe des begehrten Zuschuss ist nach Überprüfung durch die Stadt plausibel. (…) Eine Förderung der Stellplätze in dieser Höhe ist jedoch aus dem Gebiet heraus aufgrund der relativ geringen Erlöse aus Stellplatzablösegebühren nicht möglich (es stehen max. 50.000 Euro zur Verfügung). Dieses Modell kann daher nicht weiter verfolgt werden.“

Was bedeuten die Zahlen konkret? Es sei dem Investor eine Abschreibung über zehn Jahre gegönnt. Teilt man den Investitionszuschuss der Stadt durch 120 Monate und noch einmal durch die 70 Stellplätze ergibt sich eine Stellplatzmiete von knapp 200 Euro pro Monat. Wer will das in Anger-Crottendorf zahlen? In Schleußig wollte das niemand.

Fakt ist: Der öffentliche Raum gehört allen. Zwei Drittel davon werden aber von einer Minderheit für sich und ihre motorisierten Untersätze beansprucht. Ein Umstand den die Mehrheit nicht mehr hinnimmt. Zudem ist Bauen aktuell sehr teuer. Das hat viel mit einer wachsenden Stadt zu tun, aber eben auch mit einer Immobilienblase, in der Grundstücke Spekulationsobjekte mit steigendem Wert sind, die schneller den Besitzer wechseln als andere ihre Winterreifen. Das Gelände der Karl-Krause-Fabrik, welches beim PARK(ing) Day im Gespräch war für einen Parkhausstandort, wird aus eben diesem letzten Punkt ausfallen. Das ist die Lehre aus dem hochpreisigen Schleußig.

Was könnte helfen? Eine Quartiersgarage auf einem stadteigenem Grundstück? Davon gibt es leider nicht mehr viele in der entsprechenden Größe.

Wie weiter Anger-Crottendorf?

Ein findiges Mitglied für Bündnis '90/ Die Grünen (!) im Stadtbezirksberat-Ost brachte im Oktober einen Antrag ins Verfahren (Vorlage – VII-A-01885). „Der OBM beauftragt die Stadtverwaltung bis zum Jahresende 2020 zu prüfen, ob die Errichtung eines Parkdecks auf dem Interimsparkplatz Theodor-Neubauer-Straße möglich ist. Das mehrstöckige Parkdeck (ähnlich dem in der Mockauer Straße, Höhe LMC) (soll) in einfacher Bauweise und reversibel für mindestens 100 PKW ausgelegt errichtet werden und für die Nutzenden kostenpflichtig sein. Sollte das Prüfergebnis positiv ausfallen, stellt die Stadtverwaltung die zu erwartenden Kosten weiterer Planungen in den Doppelhaushalt 2021/ 2022 ein und setzt das Bauvorhaben entweder selbst um oder sucht nach einem privaten Investor/ Betreiber.“

Verwaltungsstandpunkt steht noch aus – der Inhalt ist aber schon abzusehen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.