Was brachte die Europäische Mobilitätswoche 2021 Anger-Crottendorf?

  • Veröffentlicht: Dienstag, 14. Dezember 2021 21:08

Die Europäische Mobilitätswoche (EMW) ist eine Initiative der Europäischen Kommission. Seit 2002 bietet sie Kommunen in ganz Europa die Möglichkeit, ihren Bürgerinnen und Bürgern die komplette Bandbreite nachhaltiger Mobilität vor Ort näher zu bringen.
Vom 16. bis 22. September wurden unter dem Motto "Aktiv, gesund und sicher unterwegs" stadtweit auch in diesem Jahr zukunftsweisende Arten mobil zu sein ausprobiert: So wurden beispielsweise Parkplätze und Straßenraum umgenutzt, neue Fuß- und Radwege eingeweiht, Elektro-Fahrzeuge getestet, Schulwettbewerbe ins Leben gerufen und Aktionen für mehr Klimaschutz im Verkehr durchgeführt. Ziel ist immer, innovative Verkehrslösungen auszuprobieren und mit kreativen Ideen für eine nachhaltige Mobilität zu werben.

Ein fester Bestandteil der EMW in Leipzig ist der Bürgerverein Anger-Crottendorf. In diesem Jahr organisierte er gleich drei Projekte, eins davon in Kooperation mit dem Ostwache Leipzig e.V. Alle drei bewiesen ihre Praxis- und Enkeltauglichkeit und werden perspektivisch den Stadtteil dauerhaft verändern.

Mobilpunkt

In der Gregor-Fuchs-Straße, Höhe Haus 35, wurde vom 13. bis 26. September ein Mobilpunkt getestet. An diesem konnten zwei Fahrzeuge des örtlichen Carsharing-Anbieters ausgeliehen werden. Unter Carsharing (Deutsch: Autoteilen) versteht man die Möglichkeit, Autos kurzzeitig anzumieten, zum Beispiel über eine App. Die Nutzung der Fahrzeuge wird dabei in der Regel über einen Zeit- oder Kilometertarif abgerechnet oder eine Kombination aus beiden. Neben dem Free-Floating Angebot cityflitzer (dürfen überall abgestellt werden) gibt es in Anger-Crottendorf nur einen stationsbasierten Kleinwagen von teilAuto. Das ist in Hinsicht auf die anstehende Verkehrswende viel zu wenig. Mit dem Angebot während der EMW wurde die Verfügbarkeit somit erhöht. Der Bürgerverein bastelte zur besseren Sichtbarkeit die obligatorische blau-gelbe Mobilpunktsäule. Und die Fahrzeuge wurden mehr als intensiv genutzt.  

Der Hochdach-Kombi hatte neun Buchungen und eine Zeitauslastung von knapp 20% und 500 km Fahrweite. Der Kleinwagen hatte 13 Buchungen und eine Auslastung von über 50% und eine Gesamtfahrweite von knapp 2.000 km – innerhalb von nur zwei Wochen! „Ich würde sagen, das hat reingeknallt“, kommentierte die Aktion in Anger-Crottendorf Thorsten Bähr, Regionalleiter bei der Mobility Center GmbH, welche die Fahrzeugflotten von teilAuto und cityflitzer managed. „Angesichts dessen, dass das eine temporäre Station mit gleich zwei Fahrzeugen war, die im Vorfeld nicht angekündigt war, ist die Nutzungsstatistik schon Wahnsinn und zeigt eindeutig, dass es im Quartier großen Bedarf für das Mobilitätsangebot Carsharing gibt“, ergänzt Bähr. „Aus diesem Grund hoffen wir, dass die Stadtverwaltung alles möglich Machbare unternimmt, damit wir als Mobilitätsdienstleister weiter und noch stärker in die Quartiere gehen und Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum in Form von Mobilpunkten einrichten können, um unsere Dienstleistung noch flächendeckender anbieten zu können.“

Am genannten Standort sollte es eigentlich schon längst einen Mobilpunkt oder eine Mobilitätsstation geben. Im Gegensatz zu den schon länger bestehenden Mobilitätsstationen, die ein Komplettangebot von Carsharing, Fahrradleihe sowie Elektroauto-Ladesäulen bereithalten und sich stets an ÖPNV-Haltestellen befinden, sind Mobilpunkte für die kleinteiligere Erschließung von Wohngebieten gedacht. Sie halten nur ein oder zwei Mobilitätsservices bereit. Die Rechtslage gibt es inzwischen her, Bereiche im öffentlichen Straßenraum für Carsharing zu widmen. Leider hatte das Verkehrs- und Tiefbauamt über lange Zeit die Planungen dazu verschlafen. Im vergangenen Jahr hat die Pandemie einen Strich durch die Rechnung des Carsharing-Unternehmens gemacht.

Thorsten Bähr und der Bürgerverein Anger-Crottendorf arbeiten weiter daran, dass der Mobilpunkt bald dauerhaft Wirklichkeit wird.

Noch ein paar Fakten am Rand. Wer sich über fehlende Parkplätze aufregt, muss sich klarmachen, dass er oder sie mit dem eigenen Fahrzeug eben genau für diesen Mangel sorgt. Im Durchschnitt sitzen in jedem fahrenden Auto in Leipzig 1,3 Personen. Das private Fahrzeug steht zudem 23 Stunden am Tag herum und wird nicht bewegt, 19 Stunden davon am rechten Fahrbahnrand im öffentlichen Raum. Im Gegensatz zum eigenen Auto kann stationsgebundenes Carsharing mehr als 90% der Flächen des Verkehrs freisetzen. Denn im Durchschnitt teilen sich 39 Personen ein Carsharing-Auto. Mehr dazu im letzten Abschnitt dieses Beitrages.

Es soll Menschen geben, die ein privates Auto haben und behaupten, weil sie KfZ-Steuern zahlen, hätten sie ein Recht auf einen kostenlosen Parkplatz im öffentlichen Raum. Auch für jedes Carsharing-Fahrzeug wird eine KfZ-Steuer fällig. Aber oben drauf zahlt z.B. teilAuto für jeden Stellplatz im öffentlichen Raum in Leipzig eine Sondernutzungsgebühr von bis zu 405 Euro – pro Monat. In Anger-Crottendorfer Nebenstraßen sind es 315 Euro. Das ist der Preis für einen Stellplatz am rechten Fahrbahnrand. Wer möchte das bezahlen? Wer macht dazu eine Umfrage?

PARK(ing) Day

Unter dem Motto „Gebt den Kindern das Kommando!“ fand am 17. September der diesjährige PARK(ing) Day in der Stünzer Straße statt. Der Bereich zwischen der Kita Dschungelbande und der 74. Grundschule war während der Aktion autofrei. Noch müssen sich dort Zufußgehende und Autofahrende den Platz teilen, ein durchgängiger Gehweg fehlt. Es kommt regelmäßig zu brenzligen Situationen. Für eine Verbesserung der Situation streiten schon lange Zeit viele Akteure mit der Stadtverwaltung (der ACA berichtete). Diese sieht allerdings viele Hürden. Das es aber auch ganz einfach gehen kann und der Stadtraum auch anders – und vor allem sicher – genutzt werden kann, zeigte dieser Tag. Von 13 bis 18 Uhr konnten sich Groß und Klein frei und ungestört zwischen den aufgebauten Pavillons bewegen. Der Bürgerverein sorgte mit dem „Café AC“ für etwas Bistro-Feeling. Der Kuchen kam vom Brause-Bäcker, der Kaffee aus fairem Handel. Es gab ein Bastelzelt, einen Fahrradparcours, Infos zu Lebensmittelverschwendung und viel mehr noch an Spiel, Spaß und Spannung. Die Aktion war zusammen mit der Kita- und der Hortleitung der 74. Grundschule geplant und die Kids nutzen die sonst unmöglichen Möglichkeiten.

Für die Erwachsenen gab es etwas schwerere Kost. Der Berater für Verkehrsprobleme Alexander John klärte im „Forum AC“ über die  Mobilitätsstrategie 2030 auf und was diese für die Verkehrsentwicklung in Leipzig bedeutet. Er lotete zudem aus, ob eines Tages durch Anger-Crottendorf wieder eine Straßenbahn fahren wird – vielleicht sogar über die Gregor-Fuchs-Straße. Mit Stadtplanern des Amtes für Wohnungsbau und Stadterneuerung konnte zu diesem Thema ebenso ins Gespräch gekommen werden. Die beiden Stadträtinnen Katharina Krefft und Kristina Weyh waren ebenfalls vor Ort und warben für die baldige Umsetzung eines Quartiersbusses.

Einigen Erwachsenen gefiel die temporäre Umgestaltung der Straße so gut, sie brachten von Zuhause Stühle mit und setzten sich zum Plaudern einfach auf die Straße. Im Hintergrund spielte die Anger-Crottendorfer Band S.A.T.U. nach langer Corona-Pause zum ersten Mal wieder auf. Es war eine fröhlicher Nachmittag. Warum nicht immer so? Was zukünftig hier alles passieren wird, ist im Beitrag "Mehr Verkehrssicherheit in der Stünzer Straße" auf Seite 19 nachlesbar.

Quartiersbus

Ebenfalls seit Jahren arbeitet der Bürgerverein zusammen mit Engagierten des Stadtteils für eine bessere Erschließung von Anger-Crottendorf durch den ÖPNV. Die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) waren bisher um keine noch so absurde Ausrede verlegen, warum dies nicht möglich ist. Mal passt ein Bus nicht durch den Torbogen Theodor-Neubauer-Straße, mal schicken sie generell keine Gelenkbusse durchs Wohnviertel. Mit Blick auf einen Probebetrieb während der EMW hieß es von Seiten der LVB: „Mit einem Testbetrieb werden Erwartungen geweckt, (die) aus kommunikativer Sicht aber leicht nach hinten losgehen (können).“ Heißt: Bevor die LVB mit einer Aktion Bedarfe weckt, die sie nach der Aktion nicht bedienen kann, macht sie lieber nichts.

Dass es einen besseren ÖPNV im Stadtteil allerdings sehr wohl geben kann, bewiesen der Ostwache Leipzig e.V., der Bürgerverein Anger-Crottendorf und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Sie organisierten einen Bus, der am 18. September von 12 bis 18.30 Uhr immer wieder die selbe Runde abfuhr. Dabei steuerte dieser wichtige Halte- und Umsteigepunkte an, wie S-Bahnhof, Konsum, Kaufland, etc. Die zentrale Endhaltestelle war dabei die alte Feuerwache-Ost, in deren Innenhof der Ostwache Leipzig e.V. parallel sein Herbstfest feierte. Im Vorfeld wurden die Haushalte im Stadtteil mittels einer Postkarte von dieser Aktion informiert. Diese Postkarte galt gleichzeitig auch als Fahrschein für die genannte Zeit mit dem Quartiersbus. Auch auf der letzten Seite des Anger-Crottendorfer Anzeigers fanden alle Interessierten zwei heraustrennbare Tickets, mit denen die Mitfahrt kostenfrei möglich war.

Und das Angebot wurde rege genutzt. Zahlreiche Gäste sprachen sich für die Aktion sowie eine Dauerlösung aus und stiegen ein. Insgesamt neun Mal fuhr der Bus die definierte Strecke durch den Stadtteil und verband so zentrale Punkte, die bisher nur schwierig zu erreichen sind, weil die nächste Haltestelle für viele Menschen oft zu weit weg ist. Dabei waren insgesamt mehr als 120 Menschen mit an Bord. Während der Fahrt unterhielt der „Copilot“ die Fahrgäste mit launigen Informationen zum Stadtteil, Gebäuden, Straßennamen und anstehenden Entwicklungen.

Am Infostand vor der Ostwache konnten sich Interessierte den ganzen Tag zu der Aktion informieren und in einer Unterschriftenliste für ein Fortsetzen dieses Angebotes aussprechen. Insgesamt wurden an diesem Nachmittag 73 Unterschriften gesammelt.

Ganz stark war, dass keine klare Zielgruppe zu erkennen war. Von jung bis alt nahmen alle Altersgruppen teil. Die ältere Generation machte in Gesprächen deutlich, wie wichtig so ein Angebot für sie ist, und dass sie darauf schon lange warten. Kinder fuhren mehrmals mit, weil es einfach wahnsinnig toll ist, durch Anger-Crottendorf mit einem Bus zu fahren, was sonst nicht möglich ist.

Einen Schönheitsfehler lieferte allerdings das Wetter. Der Samstag war sehr kühl für einen Septembertag und gekennzeichnet von teils starken Schauern. Es ist davon auszugehen, dass dieses Wetter einige Menschen davon abhielt an der Aktion teilzunehmen.

Der Quartiersbus Anger-Crottendorf wurde finanziert mit Mitteln aus dem Stadtbezirksbudget. Wer dem Projekt im Stadtbezirksbeirat-Ost allerdings nicht zustimmte und dies unbegründet ablehnte, waren die beiden Mitglieder der CDU.

In der Aufsichtsratssitzung der LVB am 20. September wurde die Geschäftsführung der Verkehrsbetriebe durch die Aufsichts- und Stadträtinnen Kristina Weyh und Franziska Rieckewald über diese Aktion informiert. Die Geschäftsführung zeigte sich erstaunt und empfand es als sehr beschämend, dass die LVB diese Aktion trotz Anfrage durch der Organisator*innen nicht selbst durchgeführt hat.

Der Bürgerverein wird sich in der 48. oder 49. Kalenderwoche mit den Leipziger Verkehrsbetrieben an einen Tisch setzen und das Anliegen wiederholt deutlich machen. Dabei fließen in die Überlegungen der LVB die bürgervereinseigene "hervorragende Kenntnis der Rahmenbedingungen und Befindlichkeiten des Stadtteils" mit ein, wie die LVB kürzlich in einer E-Mail an den Bürgerverein verlautbaren ließ. Das Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung sucht zudem Sponsoren aus der Privatwirtschaft, die einen Bus – ähnlich des „Grünolino“ in Grünau – finanzieren können, bis dieser spätestens 2024 in den Linienbetrieb der LVB aufgenommen wird. Es bewegt sich was!

Aktion: Ring frei!

Zwar nicht in Anger-Crottendorf, dafür in der Innenstadt, hieß es am Sonntag, 19. September: Ring frei! Von 10 bis 17 Uhr war der Innenstadtring nur Zufußgehenden, Skatern und Radfahrenden vorbehalten. An zahlreichen Ständen informierten Initiativen über ihr Mobilitätsangebot, konnten Spiele gespielt und Dinge ausprobiert werden. Oder die Menschen gingen einfach nur spazieren. Die LVB ließ historische Straßenbahnen fahren und Menschen trafen sich auf dem Augustusplatz zu einem Rekordversuch – die größte Gehzeugparade der Welt.

Ein Gehzeug ist ein Gestell, das von einer Person getragen wird und die Abmessungen eines PKWs hat. Damit soll der enorme und als selbstverständlich empfundenen Platzbedarf eines Autos aufgezeigt werden, in dem aber meistens nur eine Person sitzt. Die Idee dazu geht auf den österreichischen Verkehrswissen-schaftler Prof. Dr. Hermann Knoflacher zurück, der 1975 das Gehzeug erfand. Er wollte damit die Fehlentwicklungen in der autogerechten Verkehrsplanung aufzeigen.

So bauten auf dem Augustplatz zahlreiche Menschen 105 Gehzeuge zusammen und fuhren – nein liefen – eine halbe Runde um den Ring. Weltrekordversuch geglückt!

An einer anderen Stelle des Rings versammelten sich 60 Menschen, mit Fahrrädern, dazu 46 private Autos, zwei Carsharing-Fahrzeuge, neun Ridepooling-Fahrzeuge und zwei moderne Elektrobusse der LVB. Vor dem Astoria startete die Aktion „Flächengerechtigkeit und nachhaltige Mobilität in Leipzig“. Die Leipziger Unternehmen CleverShuttle, seecon Ingenieure und teilAuto sowie die Initiative Verkehrswende Leipzig von Changing Cities e.V. stellten vor der Hotelbaustelle den Platzbedarf dar, den 60 Menschen benötigen, wenn sie zu Fuß, mit dem Rad, im ÖPNV, mit Carsharing-Angeboten oder dem privaten PKW unterwegs sind.

Das Ergebnis war klar. Die direkte Gegenüberstellung der vier Verkehrsträger (s. Foto) zeigt, dass Fußgänger*innen im Vergleich zu allen anderen Verkehrsträgern den geringsten Flächenbedarf (mit ca. 71 m²) haben. Überraschen mag die Tatsache, dass 60 Radfahrende (mit ca. 124 m²) mehr Platz beanspruchen als die Verkehrsmittel des straßengebundenen ÖPNVs (mit ca. 89 m²), die statistisch gesehen zur einmaligen Beförderung dieser Anzahl von Personen notwendig sind (Zeitpunktbetrachtung). Dagegen überrascht es sicherlich nicht, dass die 46 Privat-Pkw, die statistisch gesehen zur einmaligen Beförderung von 60 Personen notwendig sind, den größten Flächenbedarf (mit ca. 832 m²) aufweisen.

Und da Leipzig – wie auch Anger-Crottendorf – nun einmal nur begrenzt Platz hat, wird es dingend Zeit für eine Verkehrswende, die zweckdienliche und bedarfsgerechte Nutzung und Kombination verschiedener Verkehrsmittel möglich macht.

Der Bericht zur Aktion: "Flächengerechtigkeit und nachhaltige Mobilität in Leipzig" kann online nachgelesen werden, unter:

www.seecon.de/fnmleipzig




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