„Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

  • Veröffentlicht: Dienstag, 21. Dezember 2021 17:45

In der kleinen Serie über Menschen und Gärten im Stadtteil war der ACA in diesem Jahr schon zu Gast bei der Stadtgärtnerei ANNALINDE in der Straße Am Güterring und bei „Bunte Gärten“ in der Pommernstraße, im KGV „Anger-Crottendorf“ e.V. - Anlage II.
Den Abschluss bildet der KGV „Kultur“ e.V. in der Theodor-Neubauer-Straße. Dort fand Anfang November – frei nach dem Martin Luther zugeschriebenen Zitat – eine große und bisher einmalige Pflanzaktion statt.

Noch etwas ungläubig steht Holger Große, Vorsitzender des Kleingartenvereins (KGV) in einer Gruppe wartender Menschen am Rand des Festplatzes. Sein Blick wandert von links nach rechts. Auch im Blick hat er eine Gruppe von Geocachern (Deutsch: Schatzsuchende), die im Hintergrund durch den Gartenverein läuft. Hier wird demnächst ein Cache (Deutsch: Schatz) versteckt. Die Geocacher-Gemeinde ist Deutschlandweit aktiv. Das Versteck im KGV wird auf deren Homepage markiert und kann dann von vielen Cachern immer wieder gefunden werden. Es ist gerade viel los im Kleingartenverein.

Die wartenden Menschen im Vordergrund hören Thomas Gärtner zu. Er begrüßt die Gruppe, die sich an dem sonnigen aber kühlen Samstag Anfang November hier getroffen hat. Gärtner ist hier für die Aktionsgruppe „Leipzig pflanzt“. Diese hat sich zusammen mit den Omas-For-Future das Ziel gesetzt, 600.000 Bäume in Leipzig und Umgebung zu pflanzen – quasi für jeden Einwohnenden der Stadt einen. Dass das viel Arbeit macht, ist klar. Klar ist auch, dass dafür Unterstützung nötig ist. Die Herren Große und Gärtner stehen in einer Gruppe von ca. 20 hilfsbereiten Menschen allen Alters.

Als die Arbeitsgeräte und Aufgaben verteilt sind, schwärmen die Freiwilligen aus. Thomas Gärtner hat nun kurz Zeit und erzählt: „Wir pflanzen heute hier ca. 145 Gehölze, Bäume und Sträucher. Das ist sozusagen das Pilotprojekt von „Leipzig pflanzt“. Denn neue Flächen sind rar in der Stadt. Daher kamen wir auf die Idee, die Gemeinschaftsflächen im KGV zu bepflanzen.“ Bisher war die Aktionsgruppe im ehemaligen Braunkohlentagebau Peres vor den Toren der Stadt aktiv und hatte dort 13.000 Gehölze seit Herbst 2020 gepflanzt. Was im Tagebau zu allererst der Rekultivierung dient, sorgt im KGV für eine Erhöhung der Biodiversität. Darüber hinaus sind beide Aktionen wichtige Bausteine im Kampf gegen den Klimawandel. Und es soll nicht das einzige Projekt innerhalb der Stadtgrenzen bleiben. „Am 28. November pflanzen wir am Lärmschutzwall Kiebitzmark in Paunsdorf knapp 1.000 Sträucher. Etwas später dann noch am Gleisgrünzug in Plagwitz.“ Das Geld für die Gehölze stammt aus Spenden, überwiegend von Privatpersonen. Diese werden vom Trägerverein der Omas-For-Future „Leben im Einklang mit der Natur e.V.“ verwaltet. Vermehrt schenken sich Menschen nicht mehr irgendwelchen Quatsch, der ungenutzt verstaubt. Sondern zum Geburtstag oder zu Weihnachten gibt es dann eben einen Baum, den „Leipzig pflanzt“ in die Erde bringt.

Auf einer der Gemeinschaftsflächen buddeln Doreen und Aiana ein Loch für einen Apfelbaum. Beide sind aus Stötteritz nach Anger-Crottendorf gekommen um mitzuhelfen. Beide sind naturverbunden und Doreen liegt eine lebenswerte Zukunft für ihre Tochter Aiana am Herzen. Das Bild der beiden symbolisiert so wunderbar, wie die Elterngeneration der Nachfolgenden eine Zukunft baut, unterstützt von den Großeltern, hier in Form der Omas-For-Future. Unterstützend dabei ist auch Sabrina Rötsch vom NABU-Leipzig. Sie erklärt beiden, wie tief sie graben müssen und welchen Schnitt der Baum nach seiner Pflanzung noch bekommen muss. Bevor sie zur nächsten Fläche eilt, fragt der ACA noch schnell nach ihrer Motivation an dieser Aktion teilzunehmen. „Den NABU und den KGV verbindet eine langjährige Kooperation. Wir wollen den KGV mit der heutigen Aktion ökologisch aufwerten. Die Obstbäume sind mindestens Halbstämme, damit diese eine gewissen Höhe haben und eine Krone ausbilden. Die Verschattung fördert die Aufenthaltsqualität und in den Kronen können Vögel nisten. Vielleicht bildet sich irgendwann auch einmal eine Höhle aus.“ Außer dem Apfelbaum, den Doreen und Aiana eingraben, finden auch noch Zwetschgen und Süßkirschen ihren Platz im KGV.

An anderer Stelle entsteht zur selben Zeit eine Vogelschutzhecke aus heimischen Sträuchern, wie Holunder, Wildrosen, verschiedenen Beerensträuchern, Berberitze und Liguster. Die Hecke grenzt die Fläche des alten Boccia-Platzes ein, auf dem seit einiger Zeit noch mehr passiert. Dazu gleich mehr. Nach gut zweieinhalb Stunden ist die Pflanzaktion vorbei. Die Freiwilligen stärken sich an einem Buffet, welches die Omas-For-Future bereitgestellt haben.

Das ist auch der Moment, als Holger Große von einer geführten Runde durch den Gartenverein mit den Geocachern zurückkommt. „Das sieht ja richtig geil aus“, entfährt es dem vielbeschäftigten Mann, der vom linken bis zum rechten Ohr strahlt. Er freut sich sichtlich über die gelungene Pflanzpremiere, die nach nur sehr kurzen Absprachen mit allen Beteiligten im KGV stattfand. Noch mehr Grund zur Freude hat er, weil kürzlich ein neuer Spielplatz gleich neben der Vogelschutzhecke entstand. Hilfreich dabei waren die Fördermittel des Stadtverbands Leipzig der Kleingärtner e.V. Beziehungsweise ist dieser erst noch im Entstehen, Kleinteiliges fehlt noch und auch die KGV-eigene Holz-Lokomotive muss noch überarbeitet werden, bevor der Spielplatz den kleinen Gästen übergeben werden kann.

Aber es gibt noch mehr. „Zusammen mit Wabe e.V. haben wir überlegt, wie wir die große Fläche des Boccia-Platz neu gestalten können, um für unsere Besucher attraktiver zu sein. Aus diesen Überlegungen entsteht nun ein Labyrinth mit einem Barfußweg und Matsch-Strecke im Zentrum. Für Kräuterliebhaber gibt es eine große Kräuterspirale und von den heute auch am Spielplatz gepflanzten Obstbäume kann dann genascht werden“, erklärt Große. Das Ziel ist für ihn völlig klar: Ein Kleingartenverein als Ort des Gärtnerns, klimastabil sowie stark in der Biodiversität und ein guter Gastgeber für alle Bürgerinnen und Bürger des Stadtteil, die Naherholung auch als Erlebnis genießen wollen. „Dann gehen alle zufrieden nach Hause und sagen: ‚Das ist aber ein toller Verein‘“, ergänzt Große herzlich lachend.

Holger Große ist seit vielen Jahren Vorsitzender des mit ca. 4,2 Hektar eher kleinen KGVs. Und er hat den Verein wirklich zu einem tollen Verein weiterentwickelt. Vor einhundert Jahren stellte Karl Krause seinen Mitarbeitenden Flächen zur gärtnerischen Nutzung und Erholung zur Verfügung. Dieser Tradition und Erinnerung an einen sehr sozial eingestellten Industriellen folgend, pflegt der KGV noch heute einen Krause-Garten. Die Laube der Parzelle 84 ist nach Originalplänen und mit -farbgebung nachgebaut. Ein Gartenfreund bewirtschaftet den Garten wie vor 100 Jahren. Eine große Tafel weist auf das Erbe hin. Neben dem Imkergarten, Weingarten, Streuobstwiese, Kompostanlage gibt es auch noch 21 Tafelgärten. Auf deren 4.000m² großen Fläche wird vom Wabe e.V. Gemüse für die Leipziger Tafel angebaut.

Das Engagement Großes bleibt indes nicht unbemerkt. Auch wenn er sich gelegentlich mehr Lob von den eigenen Gartenfreund*innen wünscht, der KGV wird auch mit Auszeichnungen bedacht. In den Jahren 2014 und 2016 erhielt der KGV „Kultur“ e.V. die Ehrung als „Kleingartenanlage des Jahres“.

In diesem Jahr belegt der KGV den zweiten Platz im Landeswettbewerb „Gärten in der Stadt“ und ist damit automatisch für den Bundeswettbewerb im kommenden Jahr nominiert. Das hat selbst Holger Große überrascht, denn das gab es in der 117-jährigen Geschichte des Vereins noch nie. „Wir wollten eigentlich nur teilnehmen, um zusehen, wo wir stehen. Wir haben den Verein so dargestellt, wie er ist“, erzählt Große. „Die anderen Mitbewerber haben sich  gestylt und durchgeharkt.“ Es ist aber das Individuelle was Große und seine Gartenfreund*innen mögen und was letztendlich auch der Jury gefallen hat. Bei so vielen Auszeichnungen ist es dann auch fast selbstverständlich, dass der Kleingartenverein „Kultur“ e.V. beliebt ist wie nie. „Wir habe eine Warteliste mit 47 Namen“, sagt Große und geht für heute in den Feierabend.

Der ACA bedankt sich bei allen Teilnehmenden des Tages und wünscht dem KGV „Kultur“ e.V. viel Erfolg beim Bundeswettbewerb und viel positive Resonanz aus dem Stadtteil.

Kleingartenverein "Kultur" e.V.
Theodor-Neubauer-Straße 43
Eingang in der zweiten Reihe etwas versteckt am Bahndamm
Offen für Alle über Türsummer bis zum Einbruch der Dunkelheit
www.kgv-kultur.de

Aktion "Leipzig pflanzt"
www.leipzig-pflanzt.de

Spenden ab 5 Euro an:
Kontoinhaber: Leben im Einklang mit der Natur e.V. / LEIPZIG pflanzt
Verwendungszweck: Vorname, Nachname; Adresse für Spendenbescheinigung
IBAN: DE60 8309 4495 0103 4220 70
BIC: GENODEF1ETK
EthikBank eG



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