Ein Spaziergang entlang der östlichen Rietzschke – weitere Renaturierung beschlossen

Am 25. September hatte das Amt für Stadtgrün und Gewässer (ASG) zu einem der beliebten „Grün-Gänge“ in den Leipziger Osten eingeladen.
Im Rahmen des Projekts "Masterplan Grün" führte der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar entlang der Östlichen Rietzschke.

Um 14 Uhr trafen sich an der Haltestelle Edlichstraße bei sonnigem Herbstwetter zwanzig interessierte Menschen. Nach kurzer Lagebesprechung ging es entlang der Wurzner Straße zum ersten Stopp. Am Übergang zum Kleingartenverein „Sellerhausen“ erklärten Mitarbeiter des ASG die neu entstandene, multifunktionale Grünfläche mit Retentionsfunktion und hohem Aufenthaltswert: Es entstehen Blühwiese, Totholzbereiche, Sandbänke, ein grünes Klassenzimmer, Aussichtsbereiche und ein Insektenhotel-Turm. Von der neu-errichteten Brücke über den Rietzschke-Graben hatte es einen schönen Blick auf den Ihmelscampus und gleich daneben auf den Übergang der Rietzschke in die Kanalisation. Die Retentionsfläche soll bei Starkregen das Wasser in der Fläche halten, bevor es in die Kanalisation geleitet wird. Schließlich ist diese in solch einem Fall schnell überlastet.

Hier konnte auch die Frage geklärt werden, warum die Erde mit Plastik-, Glas- und Keramikteilchen übersät war (der ACA berichtete). Die Erde der ehemaligen Gärten wurde 30 cm tief abgetragen und gesiebt. Dies geschah, um Wurzeln zu entfernen. Wäre das nicht geschehen, würden z.B. Brombeeren alsbald wieder alles überranken. Danach wurde die Landschaft mit dieser Erde modelliert und es blieben kleinteilige Fremdstoffe leider noch drin. Aus Kostengründen wurde die Erde nicht ausgetauscht.

Ebenso konnte geklärt werden, dass die Wege keine weitere Beleuchtung erhalten werden (der ACA berichtete). Hier gab es ein Abwägungsprozess zwischen Mensch und Natur. Insekten sollen auch in der Stadt einen Rückzugsort erhalten und ungestört von Lichteffekten leben. Menschen, die sich im Dunklen unwohl fühlen, können außen herum laufen. Das sollte für den Naturschutz in Kauf genommen werden.

Was leider noch nicht geklärt werden konnte, da noch nicht absehbar, ist das, was die Leipziger Zeitung jüngst bemängelte: Das ASG hat sich nicht an die Vorgaben aus dem 2020 beschlossenen Umsetzungsplan gehalten. Die Hauptwege in dem potenziellen Überschwemmungsgebiet sollten nämlich in Asphalt ausgeführt werden, statt sandgeschlämmt. Denn darin bilden sich im Laufe der Zeit Rillen und Absätze. Bei Hochwasser werden die Wege beschädigt bzw. weggeschwemmt und müssen anschließend mit viel Geld wieder angelegt werden. Es ist völlig unverständlich, warum sich das ASG – übrigens nicht nur hier – nicht an die Planungen hielt.  

Weiter ging es dann Richtung Sportplatz. Rechter Hand zog sich der Rietzschke-Graben, der im Fall der Fälle 120 Liter Wasser pro Sekunde vertragen kann. Am
Sportplatz selbst verläuft dieser verschlossen unter dem Tribünenhügel. Gleich hinter dem Sellerhäuser Viadukt stand die Gruppe vor einen großen Wald. Dieser wuchs die letzten 20 Jahre, nachdem damals in der schrumpfenden Stadt die Gärten aufgegeben und beräumt wurden. Es ging weiter Richtung Osten auf einem Weg unter dem damals zur selben Zeit der Mischwassersammler-Ost gebaut wurde. Gleich daneben – verrohrt – kann die Rietzschke entlangfließen.

Am Parkplatz des KGV „Immergrün“ schlug sich Gruppe in die Büsche und stand schnell am Rand des Vorfluters der Östlichen Rietzschke. Das verwunschen wirkende „Sellerhäuser Becken“ kann 20.000 m³ Wasser rückhalten. Trockenen Fußes wurde dieses durchquert und schon standen die Grün-Gänger an der neugebauten Bahnüberführung Tunnelwiese (ugs. Creepy-Tunnel). Hier fehlte allerdings noch die Rinne für die Rietzschke. Auch das ASG wussten nicht so genau, wann diese angelegt wird. Auf der anderen Seite der Bahnstrecke ging es durch den Park, vorbei am Stünzer Teich. Am Spielplatz Lilienweg in Mölkau endete der Spaziergang dann gegen 17 Uhr und die Teilnehmenden waren erstaunt, dass man inmitten einer Großstadt doch 3 km an einem Grünzug entlang gehen kann, ohne auch nur einmal eine Straßen kreuzen zu müssen.

weitere Renaturierung vorgesehen

Am 13. Oktober stimmte der Stadtrat für eine Renaturierung der Östlichen Rietzschke – auf deren gesamten ca. sieben km Länge. Nach der Retentionsfläche an der Grenze von Anger-Crottendorf zu Sellerhausen-Stünz wird weiter östlich die Bachsohle instand gesetzt. Darüber hinaus werden weitere Flächen entstehen, die bei künftigen Starkregenereignissen als Sammler und Ableiter dienen. Durch den Rückhalt bzw. die Versickerung der Niederschläge vor Ort wird der Landschaftswasserhaushalt stabilisiert und die Hochwasserspitzen bei Starkniederschlagsereignissen gedämpft. Zudem lässt der Kühleffekt von verdunstendem Wasser Mensch und Natur Hitzeperioden besser ertragen.

Als die abzustimmende Vorlage zuvor den Stadtbezirksbeirat-Ost erreichte, ging einem findigen Mitglied des Gremiums für Bündnis 90/ Die Grünen dieser nicht weit genug. Er ließ den Antrag um den zusätzlichen Punkt ergänzen, dass „in die Maßnahmen, der Wasserzufluss zum Stünzer Teich mit einbezogen wird“. Das freute dann auch den Bürgerverein Sellerhausen-Stünz, der seit Jahren für den Erhalt des Teiches im Einsatz sind.

Das Gehen ist die einfachste und unmittelbarste Art, die Welt zu erkunden. Alle Sinne sind währenddessen aktiv mit dabei.
Weitere interaktive Grün-Gänge, zum runterladen und sebst ablaufen, gibt es online, unter: www.talk-walks.net