Spaziergang machte Neugierig auf den Leipziger Osten

Am vergangenen Wochenende fanden weltweit besondere Spaziergänge statt. Diese Rundgänge gehen auf die US-amerikanische Stadt-Architektin Jane Jacobs zurück. Sie schuf im Jahr 1961 neue Ansätze darüber, wie Städte funktionieren, sich entwickeln und scheitern können. Einer der wichtigsten Aspekte ihrer Arbeit ist, dass ein funktionierendes Stadtökosystem nicht durch einzelne Expert*innen bestimmt werden kann, sondern es von seinen Bürger*innen mitbestimmt werden muss. Man kann nicht anhand von Modellen die perfekte Stadt planen, sondern man muss rausgehen, laufen und die Orte erkunden, um die Eigenarten der Viertel und Städte zu verstehen. Jane Jacobs war eine Befürworterin von kurzen Wegen und setzte sich für eine gestärkte Nachbarschaftsgemeinschaft und gegen autozentrierte Stadtkonzepte ein. Frei nach dem Motto: Nur eine Fußgänger*innen-freundliche Stadt ist auch eine lebenswerte Stadt.

Und unter diesem Motto fand ein Spaziergang auch im Leipziger Osten statt. Organisiert vom Pögehaus e.V. wurden „Zukunftsorte im Leipziger Osten - rund um die Eisenbahnstraße“ angesteuert. Vom noch entstehenden East-Park entlang der Schulze-Delitzsch-Straße ging es zur Initiative Superblocks Leipzig e.V., die sich für eine andere Nutzung des öffentlichen (Straßen)Raums in Kooperation mit den jeweiligen Anlieger*innen einsetzt. Ein schönes Beispiel dafür war das gerade stattfindende Idastrassenfest. Weiter ging es zum ehemaligen und zukünftigen "Kino der Jugend", entlang des Parkbogen Ost, zur alten Feuerwache Ost, dem Schulstandort Ihmelscampus und schließlich zur Baustelle der Schwimmmhalle auf dem Otto-Runki-Platz.

Eine Stationen des gut zweistündigen Rundganges sollen hier kurz beschrieben werden - das ehemalige „Kino der Jugend“ in der Eisenbahnstraße 162.

Daniel Schade wartete schon vor der geöffneten Baustellentür. Er ist einer der Köpfe hinter dem Fortuna – Kino der Jugend e.V., der sich die Wiederbelebung des markanten Gebäudes zum Ziel gesetzt hat. Vor 160 Jahren gewann die Stadt Leipzig auf dem Areal gleich hinter dem Torgauer Platz in der Gasanstalt Ost ihr Gas für die Straßenbeleuchtung aus Knochen und Schlachtabfällen. Wegen verstärkter Besiedlung in der Gründerzeit und nachvollziehbarer Geruchsbelästigung wurde die Produktion allerdings eingestellt. Später wurde in der großen Generatorenhalle Strom erzeugt. In den 1920er Jahren gab man diesen Standort auf. Ein Investor übernahm, baute die noch heute zu erahnende Art-déco-Fassade vor das Gebäude, zog eine selbsttragende Decke in die Halle ein und fertig war das Haus „Fortuna Lichtspiele“. Zu DDR-Zeiten bekam das Kino den heute noch Vielen bekannte Namen „Kino der Jugend“. Auch noch Vielen bekannt sind die großen Rock-Konzerte in den 1980ern. 1987 öffneten sich die Türen zum letzten Mal. Daraufhin verfiel das Gebäude.

Daniel Schade lud die Gäste in das Gebäude ein und beschrieb dabei das Projekt. „Im Fortuna – Kino der Jugend e.V.  engagieren sich derzeit zwischen 30 und 40 Personen, Vertreter/-innen der ortsansässigen Bürgervereine, Kulturschaffende und Nachbarn. Unser Ziel ist nicht nur der Erhalt des Gebäudes, wir wollen das ehemalige Kino auch als den Ort wiederbeleben, der er in der Erinnerung vieler Leipziger/-innen noch ist, als einen multifunktionalen Kultursaal für Kinoaufführungen, Konzerte, Theater und Tanzveranstaltungen, aber auch als Versammlungsstätte und Ort des interkulturellen Austausches, mit begleitender Gastronomie im Innen- und Außenbereich.”

Schade und seine Mitstreiter*innen haben noch viel vor. Denn das Gebäude ist quasi eine Ruine. Vor einem Jahr, am 24. März 2021 hatten sie die Schlüssel für das Gebäude bekommen. Zuvor gab es ein Konzeptvergabeverfahren der Stadtverwaltung für die zukünftigen Betreiber. Ein Verfahren, was übrigens in diesem Jahr für die alte Feuerwache Ost in Anger-Crottendorf auch noch initiiert werden soll. Dort wird ein Nachbarschaftszentrum entstehen. Mit der Ostwache und dem Kino der Jugend entstehen im sich entwickelnden inneren Osten zwei starke kulturelle und soziale Anker.
Schon bald werden im Kino die alten Gasöfen aus dem Keller entfernt und das Team kümmert sich parallel um Fördermittel, damit die Sanierung vorangehen kann.

Seit dem Sommer 2021 finden im Gebäude unregelmäßig schon Veranstaltungen statt – zwar noch mit gebremsten Schaum, aber immerhin. Und es gibt Besichtigungen, wie an diesem Tag, damit die Bürger*innen diesen neuen Kulturort erkunden, annehmen und mitgestalten – genau so wie es sich Jane Jacobs das gedacht hatte.

Die nächste Möglichkeit dazu wird am 14. Mai zum Tag der Städtebauförderung sein. Nicht unerwähnt soll hier die Bustour zur Woche der Nachbarschaft bleiben. Der Fortuna – Kino der Jugend e.V. lädt am 27. Mai ein zu einer Hop-on/Hop-off-Bustour durch den Leipziger Osten zu Orten der Begegnung, des Engagements und der Geschichte.

Überblick über die nächsten Termine:
Sa 07.05. ab 14-15 Uhr Janes Walk (Zukunftsorte Leipziger Osten)
Sa 14.05. ab 13-17 Uhr Tag der Städtebauförderung
Fr 27.05. ab 16-17 Uhr Woche der Nachbarschaft / Bustour
Fr 10.06. ab 16-17 Uhr Rundgang Volkshochschule „Unterwegs mit anderen Augen“

Runder Tisch IG FORTUNA, offen für Alle
Do 12.05. 19:30 Uhr (via zoom)
Do 26.05. 19:30 Uhr
Do 09.06. 19:30 Uhr
Do 23.06. 19:30 Uhr

Mehr Informationen zum Fortuna – Kino der Jugend e.V.: www.ig-fortuna.de
und in den Sozialen Netzwerken.