Retentionsfläche Rietzschke-Aue eröffnet

  • Veröffentlicht: Donnerstag, 08. September 2022 23:35

Nach anderthalb Jahren Bauzeit ist im Leipziger Osten auf rund 18.000 Quadratmetern eine neue öffentliche Grünfläche entstanden. Die sogenannte Rietzschke-Aue Sellerhausen erhöht den Freizeit- und Aufenthaltswert und erfüllt wichtige Funktionen für das Stadtklima, die Biodiversität und den Hochwasserschutz.

Am 12. Mai wurde die Grünfläche, die Sellerhausen-Stünz und Anger-Crottendorf verbindet, der Bevölkerung feierlich übergeben. Der ACA war vor Ort, genauso wie Politik, Verwaltung, Umweltgruppen, Sponsoren und zahlreiche interessierte Anwohner*innen. Im Anschluss übernahm der NABU Regionalverband Leipzig zusammen mit dem Amt für Stadtgrün und Gewässer, sowie den verantwortlichen Landschaftsarchitekten eine kleine Führung um die Details vorzustellen. Mehr dazu weiter unten, zunächst kamen wie immer die Verantwortlichen zu Wort.

„Mit der Rietzschke-Aue Sellerhausen haben wir eine neue multifunktionale Grünfläche in Leipzig mit besonderen Qualitäten“, betonte Leipzigs Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal. „Sie soll die Auswirkungen von Starkregen und Hitzeperioden mindern und mit dem Artenschutzturm und besonderen Landschaftsstrukturen die Artenvielfalt erhöhen. Gleichzeitig ermöglicht sie Naturerlebnis und freies Spielen, bietet naturnahe Aufenthaltsbereiche und verbessert die Wegeverbindungen im Quartier.“

Leipzigs Baubürgermeister Thomas Dienberg: „Ich freue mich, dass die Fußgänger und Radfahrer im Leipziger Osten nun auf kurzen Wegen, umgeben von Natur, von Volkmarsdorf nach Anger-Crottendorf gelangen können. Auch die Anbindung an den ÖPNV wurde für die Menschen aus Anger-Crottendorf verbessert. Zudem wird die Quartiersschule Ihmelsstraße den neugewonnenen Freiraum als grünes Klassenzimmer nutzen können.“

Regenrückhalt und Klimaleistung

Im Rahmen des gemeinsam initiierten Projektes zwischen der Stadt Leipzig und den Leipziger Wasserwerken wurde der Gewässerverlauf der Östlichen Rietzschke offengelegt und als natürlich erlebbarer Bachlauf und Naturerfahrungsraum gestaltet. Die Grünfläche ist so angelegt, dass anfallendes Regenwasser lokal aufgenommen und gespeichert werden kann. Zeitverzögert und reguliert wird es über ein Ablassbauwerk in den Wölbkanal der Östlichen Rietzschke geleitet. Damit soll ein ausreichender Abfluss bei Starkregenereignissen und gleichzeitig ein möglichst naturnaher Wasserhaushalt in der Rietzschke-Aue Sellerhausen sichergestellt werden. Der Östlichen Rietzschke wird damit ein Teil ihres natürlichen Überschwemmungsgebietes zurückgegeben.

Dr. Ulrich Meyer, Technischer Geschäftsführer der Kommunalen Wasserwerke Leipzig GmbH: „Die wassersensible Stadtentwicklung mit einem höchstmöglichen Rückhalt und einer Nutzung des Regenwassers am Ort des Anfalls ist eines der zentralen Zukunftsthemen zur Anpassung an den Klimawandel. Wir freuen uns, das mit diesem Gemeinschaftsprojekt eine multifunktionale Grünfläche geschaffen wurde, die in diesem Zusammenhang beispielhaft ist.“

Naturschutz in der Stadt

Mehr als 90 neue einheimische sowie klimaangepasste Bäume und eine Vielzahl an Strauch- und Kletterpflanzen komplettieren die naturnahe und zurückhaltend gestaltete Wasserrückhalte- und Grünfläche. Ein vorhandenes geschütztes Biotop wurde behutsam integriert und während der Bauphase entsprechend geschützt. Die große Grünfläche besteht aus vielen kleinen Bereichen. So sind Flächen mit Kurzgras integriert, die von Menschen genutzt werden sollen und auch regelmäßig gemäht werden. Im Gegensatz dazu steht die große Blumenwiese aus regionalen Saatgutmischungen. Diese wird nur zweimal im Jahr gemäht und fördert die Insekten- und Artenvielfalt. Hinzu kommen Sandlinsen mit Totholz als ergänzendes Angebot für sandliebende Insekten. Baumstämme laden zum Balancieren, Verstecken und Spielen ein. Sie dienen aber auch als Grünes Klassenzimmer für die Schüler*innen des angrenzenden Campus‘.

In Kooperation mit dem NABU Regionalverband Leipzig, dem GeoWerkstatt Leipzig e.V. und den beauftragten Fachbüros entstand mit dem Artenschutzturm eine individuelle Landmarke als identitätsstiftendes Objekt für den neuen Naturraum inmitten der Stadt. Dieses künstlerische Objekt bietet im oberen Bereich Quartiere und Nischen als Nist- und Lebensstätte für verschiedenste Tierarten. Die Meisen waren am Eröffnungstag schon eingezogen. Platz ist für Wildbienen und Fledermäuse. Dafür sind jeweilige Niesthilfen in der Zwiebelkuppel integriert. Die metallenen Umfassungen der Beine verhindern, dass Waschbären den Artenschutzturm erklimmen und dort räubern und somit den Artenschutz verhindern. Übrigens, ein kreativer Name für das Bauwerk wird noch gesucht.

Heilung mit Fördergeldern

Finanziert wurde die Maßnahme über die Richtlinie zur Gewährung von Zuwendungen zur Beseitigung der Hochwasserschäden 2013 des Freistaates Sachsen mit rund 1.000.000 Euro. Ein weiterer Teil wurde mit rund 400.000 Euro vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) finanziert. Auch die Krostitzer Brauerei unterstützte das Projekt im Rahmen der Aktion „Wahre Helden packen‘s an“ mit rund 65.000 Euro für den Artenschutzturm und die Sandlinsen.
 
Anlass zur Gestaltung der Fläche waren häufige Überflutungen der angrenzenden Kleingärten durch den ehemaligen Bachlauf der Östlichen Rietzschke. Dieser verlief zu großen Teilen verrohrt oder überbaut als Entwässerungsgraben Sellerhausen und konnte anfallendes Wasser bei Starkregen nur bedingt ableiten. Zunächst wurden 94 hochwassergefährdete Nutzgärten gemeinsam mit dem Kleingartenverein Leipzig-Sellerhausen e.V. und unterstützt durch die Leipziger Wasserwerke freigelenkt. Umfassende Abstimmungen und Planungen mit dem Kleingartenverein Leipzig-Sellerhausen e.V., der Stadtpolitik sowie den Bürger*innen waren dem Projekt vorausgegangen.

Mit der neuen Rietzschke-Aue Sellerhausen ist ein wunderschöner Ort mitten in der Stadt gestaltet worden. Und es macht ein bisschen stolz, dass so etwas im Leipziger Osten entstehen konnte, der mit Grünflächen – im Gegensatz zum Westen der Stadt – nicht wirklich reich gesegnet ist. Nun müssen die Bürger*innen diesen Ort nur noch annehmen. Dazu gehört eben auch, dass beim Spaziergang eventuell umherliegender Müll kurzerhand auch einmal selbst aufgesammelt und in die Abfallbehälter entsorgt wird.

Ausgezeichnet als Naturschutzprojekt 2022

Das Bündnis „Kommunen für Biologische Vielfalt e.V.“ hat der Rietzschke-Aue Sellerhausen den Titel „Naturschutzprojekt des Jahres 2022“ verliehen.

Robert Spreter, Geschäftsführer des Bündnisses: „In Zeiten des Klimawandels ist es besonders wichtig, Städte vor Überhitzung zu schützen und auf Starkregen vorbereitet zu sein. Bei der Renaturierung der Rietzschke-Aue Sellerhausen wurde beides vorbildlich umgesetzt und darüber hinaus wurde ein Naturerlebnisraum geschaffen.“

Die „Kommunen für biologische Vielfalt“ sind ein Zusammenschluss von aktuell 335 Städten, Gemeinden und Landkreisen. Gemeinsam setzen sie sich seit zehn Jahren für artenreiche Naturräume im Siedlungsbereich und in der Landschaft ein. Auf der Internetseite des Bündnisses www.kommbio.de findet man zahl-reiche Praxisbeispiele – von der Blumenwiese im Park, über Artenschutzmaßnahmen für Insekten, Vögel und Amphibien, bis zum grünen Klassenzimmer.

Leipzig, Mitglied im Bündnis seit 2012, setzt verschiedene Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Stadtgebiet um. Seit 2019 gibt es über 20 Blühstreifen im gesamten Stadtgebiet, deren reiches Blütenangebot die Lebensgrundlage der heimischen Insekten verbessert. Seit 2021 werden außerdem im Johannapark Blühwiesen entwickelt. Mehr dazu unter:
www.leipzig.de/unserpark

 

 

 

 

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