"Nach diesem monatelangen Kampf war bei uns die Luft raus"

  • Veröffentlicht: Sonntag, 09. Oktober 2022 21:00

In diesem Jahr widmet sich der ACA dem Themenschwerpunkt Mieten. Nach der Vorstellung der Mieterinitiative VoNO!via in der Frühjahrsausgabe geht es nun hier um die Gentrifizierung – „den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter und deren anschließenden Zuzug“. (Wikipedia)

Der ACA sprach im Rahmen des diesjährigen Themenschwerpunktes mit Sandra Wehlisch, die gleich mehrfach ihre Erfahrungen mit dem Strukturwandel und dem überdrehten Immobilienmarkt im Leipziger Osten gemacht hat.


Sandra, Du warst lange im Leipziger Osten als Mitglied der „Zündkerzenwerkstatt“ bekannt. Was war die „Zündkerzenwerkstatt“?
Die „Zündkerzenwerkstatt- Kunst.Kultur.Handwerk.“ war eine Ateliergemeinschaft.  Sie bestand aus Künstler*innen aus den Bereichen Holzbildhauerei, Illustration/ Grafik, Malerei und Musik sowie Kunsthandwerkern und Handwerkern aus den Bereichen, Tischlerei, Holzspielzeug, Tattoo, Schneiderei, und Fahrradbau. Seit 2012 hatten ca. 15 Menschen im Hinterhofgebäude der Dresdner Straße 84 ihre Ateliers und Werkstätten. Zudem haben wir unsere Räume und den Hinterhof für Veranstaltungen, Ausstellungen Flohmärkte, Sommerfeste, Lesungen, Konzerte geöffnet.

Wir müssen leider in der Vergangenheit sprechen. Was ist passiert?
Das Hinterhofgelände mit dem Ateliergebäude, Garten, Garagen sowie Nebengebäuden wurde 2021 verkauft. Das Vorderhaus, das „Goldenes Lämmchen“, gehört nach wie vor unserem ehemaligen Vermieter. Der neue Besitzer hat zudem den Hinterhof der Dresdner Straße 82, das ehemalige „Vereinshaus Leipziger Osten“, gekauft, so dass zwei grüne Park- und Gartengrundstücke nun einem Wohnensemble „Neubauten mit Tiefgaragen“ weichen müssen. Alle Bäume sollen gefällt werden. Wer die Grundstücke kennt, weiß, um wie viel Natur mit wertvollem Baum- und Strauchbestand es sich handelt.  Wir sind im Oktober 2021 ausgezogen, momentan steht das Gebäude noch. Es ist allerdings leer.

Habt Ihr inzwischen einen anderen Ort gefunden? Was konntet Ihr dort hinüber retten?
Leider haben wir kein Gebäude für die gesamte „Zündkerzenwerkstatt“ gefunden. Unsere Gemeinschaft hat sich getrennt. Einige haben immer noch keinen neuen Ort gefunden. Ich selbst zusammen mit Daniel Skowronek („Zündwerk Leipzig“) sowie unser Tischler sind im Kunst- und Gewerbehof HP7, in der Hans-Poeche-Straße im Graphischen Vier-tel, untergekommen – gerade noch am Rand vom Leipziger Osten. Wir wären auch gerne in die Ostwache gegangen. Aber leider ist dort noch nicht absehbar, wann die Räume bezogen werden können. Die Warteliste der Interessierten ist auch lang.

War und ist euch ein Standort im Leipziger Osten wichtig?
Wir wollten alle gern im Leipziger Osten bleiben. Es hat sich dort aber viel verändert. Zugunsten von Neubauten mussten viele tolle kleine Manufakturen, Werkstätten und Ateliers weichen. Was so gesehen auch ein Verlust für den Leipziger Osten ist, zumindest was den Kultur- und Kunstbereich betrifft. Sicher ist Wohnen wichtig, aber gerade die kleinen Nischenbereiche sind es doch, die ein Viertel erst lebenswert und interessant machen. Und sei es ein grüner Atelierhinterhof, der temporär zu Veranstaltungen einlädt.
Kerstin Köppen (Holzbildhauerin) war gleich zweifach von diesem Wandel betroffen. Sie hat nicht nur ihre Räume in der „Zündkerzenwerkstatt“ verloren, sondern auch ihre Werkstatt in der Göschenstraße. Das war ein Gebäude in dem es auch viele Proberäume für Bands gab und u.a. auch die Schallplattenmanufaktur Randmuzik lange Jahre arbeitete. Kerstin Köppen betreibt mittlerweile den „Blauer Sand – Raum für Gemischtes“ in der Trinitatis-, Ecke Peilickestraße in Anger-Crottendorf.

Was Dich im künstlerischen Bereich ereilte, traf dich dann auch noch im Privaten.
Ja tatsächlich. Wir hatten gerade den langwierigen Auszug aus dem Atelier und die schwierige Suche nach neuen Räumen hinter uns gebracht und kamen gerade dazu ein wenig durchzuatmen, da wurde uns mitgeteilt, dass unser Wohnhaus in der Zweinaundorfer Straße verkauft wird.

Das kam überraschend?
Zu unserer Verwaltung hatten wir bisher immer ein gutes Verhältnis. Wir wohnen schon sehr lange im Haus und standen auch regelmäßig im positiven Austausch. Anfangs hieß es nur, dass die Balkone neu gemacht werden müssen. Vor einem Jahr dann wurde uns der Zugang zu den Balkonen gesperrt. Die Verwaltung teilte uns mit, der Eigentümer kümmerte sich um einen Kredit. Das hat uns schon aufhorchen lassen. Die Rückfassade des Hauses sollte in diesem Zuge auch gemacht werden. Mehrere Mietparteien haben daraufhin mehrmals im Jahr bei der Verwaltung nachgefragt, wann es denn nun endlich losgeht. Wir wurden immer hingehalten. Es hieß immer, dass der Kredit bewilligt wurde und es nun bald losgeht. Wir haben natürlich auch ganz direkt gefragt, ob unser Haus verkauft werden soll, da wir uns natürlich Sorgen gemacht haben. Mehrmals wurde dies verneint.

Und wider Erwartens, was ist passiert?
Plötzlich hieß es, dass ein Bankbeamter für die Bewilligung des Kredites im Zuge der Sanierung der Balkone Zugang zu den Wohnungen benötigt. Eigentlich ein übliches Prozedere. Als der vermeintliche Bankbeamte mit unserer Verwalterin vor Ort war und mehr Interesse an den Wohnräumen als an den Balkonen hatte, kam uns das irgendwie seltsam vor. Auch da fragten wir direkt nach einem Verkauf des Gebäudes und wieder wurde verneint.

Wir haben daraufhin im Internet recherchiert. Nur zwei Tage später haben wir die Verkaufsanzeige unseres Hauses auf den gängigen Immobilienportalen gefunden – für 1,35 Millionen Euro. Der Kontakt war eine Immobilienfirma, auf deren Seiten wir dann das Foto des „vermeintlichen Bankbeamten“ gefunden haben. Der war natürlich ein Makler! Die Anzeige war nur zwei Wochen online, dann war das Haus verkauft. Eigentlich waren wir bis dato mit unserer Hausverwaltung sehr zufrieden aber das war dann doch sehr schockierend. Natürlich ist die Hausverwaltung in erster Linie ihrem Auftraggeber verpflichtet, aber hier handelt es sich tatsächlich um bewusste Täuschung der Mietparteien.

Wir haben dann im Mai 2022 einen Brief erhalten, in dem mitgeteilt wurde, dass das Haus verkauft wurde. Allerdings haben wir immer noch keinerlei Information darüber, wer der neue Besitzer ist. Was wir momentan wissen, ist, dass die Wohnungen neu vermessen werden sollen. Anscheinend will der neue Besitzer mit dem Umbau in zwei Jahren beginnen und aus den großen Wohnungen kleinere machen. Ein Brief an unsere Hausverwaltung, in der wir nach Auskünften zum neuen Besitzer und seinen Vorhaben baten, blieb unbeantwortet. In der Verkaufsanzeige stand, dass die Bäder und die Heizung neu gemacht werden müssen, Balkone und rückwärtige Fassade standen sowieso an. Keine Antwort der Hausverwaltung besagt natürlich auch so einiges. Uns ist klar, dass mit den Umbaumaßnahmen und der Verkleinerung der Wohnungen eine Entmietung der jetzigen Bewohner*innen einhergeht.

Habt Ihr Euch dem entgegen gestellt?
Zunächst einmal haben wir die Verkaufsanzeige und das Prospekt der „Sozialen Erhaltungssatzung“ der Stadt Leipzig in den Hausflur gehangen, um die Nachbarschaft zu informieren. Das wurde dann erst einmal versucht abzureißen, von wem, weiß ich nicht. Leider klappte die Mobilisierung nicht so ganz. Viele fügen sich in ihr Schicksal und ich selbst bin schon bei der „Zündkerzenwerkstatt“ gegen geschlossene Türen gerannt. Dort hatten wir tatsächlich auf vielfältigen Wegen versucht, die Stadt ins Boot zu holen. Nach diesem monatelangen Kampf war auch bei uns die Luft raus, um noch einmal den Kampf von vorn zu beginnen.

Wir haben aber Kontakt zum Amt für Wohnungsbau- und Stadterneuerung (AWS) aufgenommen. Die „Soziale Erhaltungssatzung“ befasst sich mit Genehmigungskriterien für die Beurteilung von Bauvorhaben, mit Immobilienverkäufen und anstehenden Sanierungen in bestimmten Milieuschutzgebieten. Dort wurden wir zunächst einmal beraten. Wir haben den Hausverkauf gemeldet. So besteht die Möglichkeit noch vor der Bauphase zu prüfen, ob nur notwendige Dinge umgesetzt werden. Eine Grundrissänderungen und somit die Verkleinerung der Wohnungen wird da z.B. ausgeschlossen. Ob uns das alles als Mieter*innen vor der Entmietung schützt, ist allerdings fraglich.

Was rätst du Betroffenen?
Trotz allem rate ich betroffenen Hausgemeinschaften zusammen zu agieren, ihren Fall publik zu machen. Wir kennen andere Beispiele z.B. die Augustenstraße 13 oder die Harnackstraße 10 in Reudnitz. Nutzt die „Soziale Erhaltungssatzung“ der Stadt Leipzig und den Bonus des Milieuschutzgebietes. Dort heißt es schließlich: „Erhalten wir unsere Wohnviertel“. Hilfe sollte man klar einfordern! Ich hab dort einige nützliche Tipps erhalten.  Meldet Euch auf jeden Fall auch beim Mieterschutzbund! Laut werden, ist die Chance gehört zu werden!

Trotzdem glaube ich, dass es immer noch zu viele Lücken und Nischen, sowie zu wenige Kontrollinstanzen gibt. Zudem sollte das Hauptinteresse aller – nicht nur der Stadtverwaltung – bei den Menschen liegen, den Mieter*innen vor Ort, die aus ihren angestammten Vierteln womöglich vertrieben und an den Rand gedrängt werden. Ich hoffe nun das Beste.

Die „Soziale Erhaltungssatzung“, auch Milieuschutzsatzung genannt, gilt seit Juli 2020 für sechs Gebiete in Leipzig, darunter mit dem Gebiet „Am Lene-Voigt-Park“ auch für große Teile von Anger-Crottendorf.

Das Ziel einer solchen städtebaurechtlichen Satzung besteht darin, die ansässige Bevölkerung vor Verdrängungsprozessen zu schützen, die vor allem durch bestimmte Modernisierungsmaßnahmen an Wohngebäuden und in Wohnungen verursacht werden. Vorhandener Wohnraum darf in Sozialen Erhaltungsgebieten nicht in einer Weise verändert werden, dass er für die im Gebiet ansässigen Bevölkerungsgruppen nicht mehr geeignet ist. Darum müssen bauliche Änderungen und Nutzungsänderungen sowie Rückbauvorhaben vorab seitens der Stadt genehmigt werden.

Seit April 2022 gelten die Sozialen Erhaltungssatzungen zudem in Gebieten Plagwitz/ Kleinzschocher  und Leutzsch.

Mehr Informationen zur „Sozialen Erhaltungssatzung“, unter:
www.is.gd/d0Umjl

 


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