Öffentlichkeitsbeteiligung zum Parkbogen - viel Licht, etwas Schatten

  • Veröffentlicht: Dienstag, 25. Oktober 2022 16:21

Lange tat sich die Stadtverwaltung schwer mit Öffentlichkeitsbeteiligung zu ihren Projekten. Häufig war bei Beteiligten und Unbeteiligten zu hören: Das sei nur eine Alibiveranstaltung, am Ende macht die Verwaltung das, was eh schon längst beschlossen war. Von Seiten der Stadtverwaltung war zu hören, dass sie immer noch dazulernt und sich an Beteiligungsformate und das Einbeziehen der Menschen vor Ort noch herantastet.

Fast schon Vorbildcharakter hatten da allerdings die vier Workshops, welche  sich mit der Gestaltung des Parkbogen-Ost beschäftigten und von April bis Juni stattfanden. Vor Ort waren stets dabei die Landschaftsarchitekten vom Planungsbüro SINAI um A.W. Faust, das Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung um René Zieprich, das Amt für Stadtgrün und Gewässer um Daniel Ghin und das Quartiersmanagement Leipziger Osten mit Julia Thier und Ralf Elsässer als Veranstalter.
Es brauchte vier Workshops (WS), da der sogenannte Sellerhäuser Bogen in vier Abschnitte geteilt wurde um so kleinteilig wie nötig das Projekt zu besprechen.
Und so wurden im WS1 der Bereich Dorfanger Sellerhausen und Sellerhäuser Viadukt (oben wie unten), im WS2 der Abschnitt Polygraph mit ehemaliger S-Bahnstation Anger-Crottendorf, im WS3 der Gartenpark Süd zwischen Viadukt und S-Bahnstation und im WS4 der Parkkopf Süd am Übergang zu den Posadowskyanlagen/ Lene-Voigt-Park bearbeitet.
Die Workshops fanden immer direkt  in den jeweiligen Abschnitten statt – in der Kinderinsel Emmaus (WS1), in der alten Feuerwache Ost (WS2 und 4) sowie im Vereinshaus Immergrün (WS3).

Alle Workshops zeichneten sich durch eine starke Teilnehmendenanzahl aus. So kamen zwischen 40 und 60 Personen zu jedem Termin. Der Altersdurchschnitt schwankte zwischen geschätzten 30 Jahren (WS2) und über 60 Jahren (WS3 und WS4). Die Workshops waren klar strukturiert. So erklärte zunächst A.W. Faust, unterstützt durch Karten, Zeichnungen und Visualisierungen, was er und seine Kolleg*innen sich für den jeweiligen Abschnitt vorstellen können. Es folgte eine erste Fragerunde. Danach gab es einen Rundgang um die jeweiligen Bereiche auch vor Ort zu erleben und am Ende konnten alle Teilnehmenden ihre Botschaften und Themen auf Kärtchen schreiben und diese an einer Tafel auch noch gewichten. So entstanden klare Arbeitsaufträge für das Planungsbüro, weil sie sich mit den Inhalten jeder Karte noch einmal beschäftigen werden.

Dauerbrenner

Einige Punkte waren immer wieder ein Thema und wiederholten sich bei den einzelnen Veranstaltungen. So war den Teilnehmenden Ordnung, Pflege, Sauberkeit, Abfall/ -entsorgung, Toiletten und Wasser/ Trinkwasser wichtig.

Im Workshop 1 waren Lärmessionen ein stark diskutierter Gegenstand. Mit der Ausstattung der Viaduktbögen mit Sportgeräten, sowie den Ausbau des Parkplatzes vor dem Sportlerheim des SV Leipzig Ost 1858 e.V. für eine sportliche Mehrfachnutzung wurden Beeinträchtigungen befürchtet. Dass aber auch die Straßenbahn ab 4.30 Uhr für einige die Nacht enden lässt, kam ebenso zur Sprache. Neben dem Viadukt wurde auch der Dorfanger rund um die Kita ins Auge gefasst. Das Linden-Rondell ist zwar ein geschütztes Gartendenkmal, soll aber eine Aufwertung erhalten, gern mit mehr Wasser und weniger Autos, so die Teilnehmenden.

Streitpunkt Gartenparzellen

Am Workshop 3 nahmen viele Gartenfreund*innen des KGV „Immergrün“ e.V. und KGV „Kultur“ e.V. teil. Über den Parkbogen sollen die einzelnen Vereinsareale und somit der gesamte Gartenpark Südost besser erschlossen werden. So waren die Rampen und deren Lage ein großes Thema an diesem Abend. Ein Streitpunkt waren die Gärten des KGV „Kultur“ e.V., welche sich noch auf dem Bahndamm befinden. Denn für die geplante Rampe in diesen KGV hinein müssten fünf davon weichen. Der Vorstand des KGV hatte für das Parkbogenprojekt auch schon Parzellen gesperrt und nicht weiter verpachtet. Es stellte sich zum Termin allerdings heraus, dass sich das Projekt weiterentwickelt und die gesperrten Gärten nun nicht mehr im Fokus liegen. Diese Diskussion konnte am Abend nicht abgeschlossen werden. Zur Klärung sollten im August weitere Gespräche geführt werden.
Das Thema ist auch weniger problematisch, weil der Abschnitt  Gartenpark Süd noch als „Ideenteil“ gilt. Hier ist noch sehr wenig in trockenen Tüchern, dessen bauliche Umsetzung wird auch nicht vor 2024 stattfinden und ist auch abhängig von weiteren finanziellen Mitteln. Es ist da also noch viel Zeit für Abstimmungen.

Die beiden „Realisierungsteile“ Sellerhäuer Viadukt und Abschnitt Polygraph werden demnächst aber definitiv fortgesetzt. Noch bremsen die Bauarbeiten an der Brücke über die Theodor-Neubauer-Straße. Ab Herbst gibt es aber Bautätigkeiten um die beiden Bogenbrücken. Ab Frühjahr folgen dann Arbeiten im Bereich zwischen Eisenbahnstraße und  Liselotte-Herrmann-Straße, zeitlich versetzt folgt dann der Bereich um die ehemalige S-Bahnstation Anger-Crottendorf.

Streiten um des Streitens Willen?

Wohl des hohen Durchschnittsalters im WS3 und 4 geschuldet, wurden da die Forderungen nach Angeboten für Senior*innen laut. Was auch völlig verständlich war, wenn über Sport- und Spielangebote für Junggebliebene, Matschstrecken für Kleinkinder sowie über modernes Zeug wie „urban gardening“ gesprochen wird. Weniger verständlich war allerdings die Forderung nach Separees für Menschen im hohem Alter. Schließlich würden sie sich nur dort wohlfühlen. Dies ist wenig verständlich, weil wir als Gesellschaft doch eigentlich darüber hinweg sind, Menschen zu separieren (Kinder in die Kita, Senior*innen ins Heim und alle anderen auf Arbeit). Auch Senior*innen sind Teil der Gesellschaft und sollen sich in dieser bewegen und an ihr teilhaben.
Außerdem ist es wenig verständlich, weil der Trintiatisplatz eben genau so ein Separee ist – nur eben nicht für Senior*innen. Er wird häufig von einer anderen Klientel genutzt. Warum sollte dies am Parkbogen  anders sein? Warum fordert man Separees am Parkbogen, wenn man den Trintiatisplatz aus genannten Gründen doch ablehnt?

Ebenso unverständlich war das Auftreten einer ca. 20-köpfigen Gruppe überwiegend Senior*innen im vierten Workshop. Dort produzierte sich diese –  wohl abgesprochen, angestachelt oder entsandt – und brachte ihre Ablehnung gegenüber dem ganzen Parkbogenprojekt zum Ausdruck. Man fürchte Eisenbahnstraßenverhältnisse. Man solle doch mit dem Geld was „positives, praktisches“ für die Bürger*innen im Stadtteil machen, wie eine „Einschienenbahn“. Niemand hätte mit ihnen geredet. Und: „Wer will denn eigentlich diesen Park?“

Wahrscheinlich die Menschen, die an den drei Workshops zuvor teilgenommen haben, könnte man flapsig antworten. A.W. Faust, der die bisherige, konstruktive Arbeit immer sehr lobte, war von dieser Situation brüskiert. Er fand jedoch die richtigen Worte, denn: „Es ist die allgemeine Frage, wie wir Zusammenleben wollen. Das muss ausgehandelt werden.“

Und dieser Satz erinnert an ein Banner mit dem der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. seit Jahren durch den Stadtteil tingelt. „Wie willst DU leben?“, ist die klare Aufforderung sich an einem Diskurs zu beteiligen. Wie die Gruppe dann darauf kam, dass niemand mit ihnen geredet hätte, bleibt offen. Die Angebote waren da. Das Projekt Parkbogen gibt es seit 2013, der Stadtrat beschloss den Bau 2017. Die lokalen Medien sowie der ACA berichteten regelmäßig. Der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. ist  der Ansprechpartner vor Ort.

Mit Blick auf all das passt dann noch ein Bonmot, welches hier und da gelegentlich zu hören ist: „Niemand kann einem das Interesse am eigenen Stadtteil abnehmen.“




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