Leipzig geht voran: Stadt bringt Fußverkehrsstrategie auf den Weg

  • Veröffentlicht: Dienstag, 21. Dezember 2021 17:39

Der Fußverkehr in Leipzig soll systematisch und dauerhaft gefördert werden, um ihn attraktiver und sicherer zu machen. Dies geht aus dem entsprechenden Strategiepapier hervor, das Oberbürgermeister Burkhard Jung auf Vorschlag von Baubürgermeister Thomas Dienberg auf den Weg gebracht hat. Die Ratsversammlung bestätigte die Fußverkehrsstrategie bereits in der Sitzung am 14. Oktober. Thomas Dienberg, Bürgermeister für Stadtentwicklung und Bau, sagt: „Die Stadt Leipzig möchte sich mit dieser strategischen Planung auf den Weg machen, um ihre guten Bedingungen und Qualitäten auszubauen und bis zum Jahr 2030 eine besonders fußgängerfreundliche Stadt mit Vorbildcharakter zu werden.“

Mit dem Entwurf der Fußverkehrsstrategie soll die konzeptionelle Grundlage zur systematischen und dauerhaften Förderung des Fußverkehrs in Leipzig gelegt werden. Die darin aufgezeigten Handlungsfelder und Maßnahmenbereiche betrachten alle Bereiche kommunaler Selbstverwaltung. Empfehlungen zu Modellprojekten sollen hierbei einen beispielhaften Einstieg in die systematische Fußverkehrsförderung geben. So wird etwa ein Projekt „100 Zebrastreifen für Leipzig“ vorgeschlagen, auch sollen Ampelschaltungen hinsichtlich der Warte- und Querungszeiten besser auf Fußgängerinnen und Fußgänger abgestimmt werden. Ein „Lücken-schlussprogramm“ könnte kleinräumige Problemlagen in den Fokus nehmen, bei denen die fußläufigen Verbindungen komplett fehlen oder zum Beispiel Treppen die Barrierefreiheit einschränken.

Das Strategiepapier schreibt das „Konzept für den Fußverkehr in Leipzig“ aus dem Jahr 1997 fort. Es dient gleichzeitig zur Umsetzung der Mobilitätsstrategie 2030 für eine nachhaltige Mobilität. In der Fußverkehrsstrategie werden sowohl Leitbilder beschrieben als auch strategische Ziele und Umsetzungsschritte benannt. Friedemann Goerl, Fußverkehrsverantwortlicher der Stadt, fasst das Leitbild der neuen Fußverkehrsstrategie zusammen: „Alle Menschen in Leipzig sollen sich sicher, bequem, ohne Angst und ohne Hindernisse im öffentlichen Raum bewegen können. Gleichzeitig soll das Gehen als grundlegende Form der urbanen Mobilität bei politischen Entscheidungsprozessen die entsprechende Wertschätzung erhalten.“

Das Konzept leitet davon 13 konkrete Ziele für Leipzig ab, etwa dass der hohe Fußverkehrsanteil von zuletzt 27,3 Prozent an allen Leipziger Wegen stabilisiert wird, dass öffentliche Räume – insbesondere Fußwege, Einmündungen, Kreuzungen – barrierefrei nutzbar sind, und dass dieser Raum gerecht aufgeteilt und städtebaulich gut gestaltet wird. Unfallgefahren für Fußgängerinnen und Fußgängern sollen perspektivisch reduziert werden, grundsätzliches Ziel ist es dabei, tödliche Unfälle mit ihnen gänzlich zu vermeiden. Dazu gehört etwa der barrierefreie Übergang vom Straßenraum in Grünflächen und die sichere Ausgestaltung im direkten Schulumfeld. Neben Tempo-30-Zonen müssten hier beispielsweise gegebenenfalls auch Zebrastreifen angeordnet werden.

Darüber hinaus soll der Fußverkehr gleichwertige personelle und finanzielle Ressourcen erhalten wie andere Verkehrsarten im städtischen Haushalt – derzeit rund sechs Millionen Euro jährlich, heißt es in dem Papier.

Leipzig war schon immer eine Fußverkehrsstadt. Breite Boulevards, ein in Europa einzigartiges Passagensystem in der Innenstadt, kurze Schlippen als Abkürzungen, und viele Schmuckplätze und Parks runden das Angebot ab – für die Eiligen genauso wie für die Flanierenden. Friedemann Goerl: „Fußverkehr ist die Grundlage für jegliche Mobilität in unserer Stadt und stellt dabei die natürlichste und grundlegendste Form unserer Fortbewegung dar. Gehen ist Ausdruck von Handlungsfreiheit, Unabhängigkeit und Teilhabe.“ Die Förderung des Fußverkehrs leistet gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung zahlreicher ökologischer, sozialer und ökonomischer Problemlagen, wie Ressourcen- und Flächenverbrauch, des demographischen Wandels oder der Klimakrise.

Die Fußverkehrsstrategie ist als Auftakt zum Fußverkehrsentwicklungsplan zu verstehen, der die konkreten Umsetzungsschritte plan- und evaluierbar festhält. Eine erste Beteiligung zur Fußverkehrsstrategie erfolgte bereits, unter anderem durch den Runden Tisch Fußverkehr und durch eine Onlinebefragung. Bürgerinnen und Bürger können sich zudem künftig in verschiedenen Formaten in den Fußverkehrsentwicklungsplan einbringen.

Weitere Informationen sowie die Fußverkehrsstrategie zum Download gibt es online, unter: www.leipzig.de/fussverkehr

In der letzten Ausgabe des ACAs war der Bürgerverein Anger-Crottendorf mit dem Fußverkehrsverantwortlichen Friedemann Goerl im Stadtteil unterwegs. Der Beitrag "Zu Fuß durch Anger-Crottendorf" ist nachzulesen:
- im Heft 13/ Herbst 2021, download: https://bv-anger-crottendorf.de/joomla/a-c-anzeiger
- online, unter: https://bv-anger-crottendorf.de/joomla/neues/58-zu-fuss-durch-anger-crottendorf




Sport frei!

  • Veröffentlicht: Montag, 20. Dezember 2021 05:50

Nicht nur Corona hat ja den Einen oder die Andere einrosten lassen. Damit Geist und Körper wieder in Schwung kommen, kann in Anger-Crottendorf verschiedenen Bewegungsarten nachgegangen werden.

Seit einem Jahr gibt es im Stadtteil einen Ableger der „Sportschule Mustang e.V.“
Christian Bergmann leitet als Gründungsmitglied seit über 20 Jahren den Verein, der als reiner Taekwondo-Verein in Grünau startete. Heute bietet die Sportschule ein reges Angebot von Einzelsportarten an. Der Chef selbst hat über die Zeit viele Trainerausbildungen genossen und ein Sportstudium abgeschlossen.
Der ACA traf Christian Bergmann in der Jöcherstraße.

ACA: Was ist die „Sportschule Mustang e.V.“?

Christian: Die Sportschule Mustang e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der überwiegend mit ehrenamtlichen Mitarbeitern im Sportbereich aktiv ist. Ich selber biete hier im Stützpunkt Zumba-Kids, Zumba-Fitness, Pilates, Reha-Sport und Aroha an. Aroha kommt aus Neuseeland und ist ein ständiger Wechsel zwischen Entspannung und spannungsvollen Elementen, inspiriert vom HAKA (sogenannter  Kriegstanz der Maori), dem Kung Fu und TaiJi. Es ist ein effektiver, unkomplizierter Gesund-heitskurs im 3/4 Takt für Körper und Geist. Unser Team unterrichtet hier am Stützpunkt darüber hinaus noch Taekwondo, Kindersport, Selbstverteidigung und Krav Maga. Krav Maga ist ein israelisches, modernes taktisches Selbstverteidigungssystem.

ACA: Welche Zielgruppen sprecht ihr an?

Christian: Wir richten uns an ein breites Publikum, von klein bis groß, von jung bis alt, kann man eigentlich sagen. Die Jüngsten, die hier trainieren, sind derzeit drei Jahre alt, die Ältesten sind ein bisschen über 80 Jahre.

ACA: Nach dem Start in Grünau, warum habt ihr euch ausgerechnet nach Anger-Crottendorf erweitert?

Christian: Nach Grünau haben wir in Großzschocher einen Stützpunkt eröffnet, weil ein Trainer dort in der Ecke wohnt und als Festangestellter sein Arbeitsplatz nicht so weit weg von seiner Wohnstätte sein sollte. Dann haben wir durch einen Zufall dieses Objekt hier leerstehend entdeckt und uns gesagt: Wir haben noch Kapazität. Wir haben noch Festangestellte, die noch was brauchen – wir machen, was draus.

ACA: Ihr habt den alten Flachbau ausgebaut. Was ist hier entstanden?

Christian: Seit November 2020, als der Lockdown für Sportvereine kam, sind wir hier. Wir haben das Objekt übernommen und den Lockdown eigentlich genutzt, um Renovierungsarbeiten durchzuführen. Ursprünglich war das mal ein Bäcker, eine Drogerie und ein Fleischer. Nun haben wir hier im hinteren Bereich eine Herren- und Damenumkleide mit gesponserten Spiegeln und einen Personalraum. Früher war das ein einfacher Raum mit einem Loch im Boden, wo es noch in den Keller ging. Den vorderen Bereich haben wir durch eine Trennwand in einen 80m² großen Trainingsraum und in einen Empfangsbereich geteilt. Alle Umbauarbeiten wurden vom Vorstand und Trainern selbst absolviert, bis auf Wasser- und Elektroarbeiten.

ACA: Wie wird euer Angebot angenommen? Woran fehlt es?

Christian: Es werden fast alle Trainings angenommen. Der Reha-Sport läuft gerade nicht so gut, weil da wohl coronabedingt die Krankenkassen nicht mehr so viel Geld zur Verfügung stellen. Das ist aber überall gerade so. Da ist noch jede Menge Luft nach oben!
Unsere Trainer sind derzeit ausgelastet. Aber wir suchen wieder ehrenamtliche Trainer speziell für Anger-Crottendorf. Eine Bauchtanztrainerin beispielsweise wird dringend gesucht, wobei es gegebenenfalls auch mit Integration funktionieren könnte. Wir könnten die Schaufenster zu machen und organisieren, dass kein Mann im Objekt ist, um speziell Frauenkurse abzuhalten.
Wir werden in der Nachbarschaft sehr gut aufgenommen! Das Trainingsangebot wird allerdings noch nicht so genutzt, wir haben aber auch noch nicht groß Werbung gemacht. Im Moment haben wir hauptsächlich Laufkundschaft über Facebook und so.

ACA: Werdet ihr Sonderangebote machen?

Christian: Sonderangebote wird es bei uns nie geben. Ein Schnuppertraining ist in allen Bereichen immer machbar. Die Leute können immer zum Probetraining kommen. Im Taekwondo-Bereich können sie dreimal trainieren, in allen anderen Bereichen einmal. Wenn ich freitags hier Training gebe, dann schauen ab und zu Leute durch die Schaufenster und beim nächsten Mal stehen sie selbst hier im Trainingsraum. Das ist halt sehen und gesehen werden.

ACA: Was antwortet ihr Menschen, die sagen, ihr bringt Kindern das Prügeln bei?

Christian: Also das hat mir tatsächlich noch keiner gesagt. (lacht) Als wir umgebaut haben, kamen viele aus der Nachbarschaft, haben sich gefreut und kundig gemacht: „Was macht ihr denn hier? Was wird hier mal draus?“ „Ach, wir dachten,  hier wird 'ne Pizzeria draus oder so was.“ Und da hatten auch manche Bedenken oder Angst und dann: „Oh nee, das ist ja was Tolles, was Schönes.“

ACA: Kooperiert ihr mit Schulen?

Christian: Wir führen seit drei, vier Jahren Ganztagsangebote in der Käthe-Kollwitz-Schule durch. Nun haben wir es so vereinbart, dass die Kinder in den neuen Stützpunkt gebracht werden. Sie machen hier ihr Taekwondo-Training und dann werden sie in den Hort gebracht. Vorher haben wir das in deren Turnhalle gemacht. Seit diesem Jahr nun hier, dann ist alles einfacher. Der Trainer muss keine Materialien hin und her schleppen und hat alles im Blick.

ACA: Trainiert ihr hier auch für Wettkämpfe? Wird es mal einen Schautag geben?

Christian: Ein Wettkampf-Turnier im Taekwondo-Bereich ist für dieses Jahr noch nicht geplant. Das ist für nächstes Jahr angedacht. Wir müssen die Kinder ja erst trainieren, so dass sie auf ein Level kommen. Dann holen wir sie aus verschiedenen Stützpunkten zusammen und machen ein kleines Turnier mit dem Ziel, dass sich die Kinder für Turniere auf Landesebene qualifizieren.
Coronabedingt war alles – auch die Turniere – zurückgefahren. Einer der Kids Trainer im Taekwondo war bei internationalen Meister-schaften dabei, er ist deutscher Vizemeister in Taekwondo und war auch Sportler des Jahres. Wir wollen in Zukunft den nationalen und internationalen Bereich wieder hochfahren. Aber dazu brauchen wir auch wieder ein paar Talente. Daher arbeiten wir in drei Stützpunkten, dass wir ein gutes Team zusammenstellen können. Die Zumba-Kids arbeiten schon fleißig dran, dass die sich im Stadtteil präsentieren können, so auch die Taekwondo-Kinder.
 
ACA: Wo steht die „Sportschule Mustang e.V.“ in zwei und in fünf Jahren?

Christian: Da es uns schon 20 Jahre gibt, weiß ich, was wir als Team schaffen können: Definitiv wird hier in den nächsten zwei bis fünf Jahren eine Taekwondo-Mannschaft aufgestellt. In den Trainingsgruppen werden 20 bis 25 Kinder regelmäßig zwei Mal die Woche trainieren und an Turnieren teilnehmen. Unsere Trainingswoche ist recht voll, aber wir haben noch Luft nach oben. Die Trainer sind im vollen Einsatz und haben genügend zu tun, daher suchen wir für diesen Stützpunkt noch ehrenamtliche Unterstützung. Dies kann auch aus anderen Bereichen sein und wer noch etwas Freizeit neben der Arbeit hat, kann uns gern helfen.

Sportschule Mustang e.V.
Jöcherstraße 1A/B

0177/ 3 26 19 42, info [AT] sportschule-mustang [PUNKT] de

www.sportschule-mustang.de/Anger-Crottendorf
www.facebook.com/Sportschule.Mustang





Neuer Tausch-Schrank im Lene-Voigt-Park

  • Veröffentlicht: Donnerstag, 16. Dezember 2021 22:06

Seit vielen Jahren schon wird im Lene-Voigt-Park verschenkt und getauscht. Dazu gab es hin und wieder einen festen Unterstand. Los ging es 2015 mit „Lenes Tauschbude“, ein von Tausch-Enthusiasten aus einem alten Schrank gezimmertes Tauschregal. Über die Zeit wurde die Tauschbude immer wieder Opfer von Vandalismus und Vermüllung, sodass die Stadtreinigung den Ort häufig beräumte, inklusive der jeweiligen Bude. Zudem gab es für „Lenes Tauschbude“ – egal in welcher Form – nie eine amtliche Genehmigung.

Seit 23. Oktober ist das anders. Denn nun steht am östlichen Ende des Parks ein neuer Schrank „Lenes Tauscho“. Der ACA sprach zur Einweihung bei einem Glas Sekt mit Aaron Krautheim, Initiator und steter Anschieber des Projektes.

ACA: Wie kam es zu „Lenes Tauscho“?

Aaron: Ich bin oft hier vorbei gefahren. Das war jahrelang mein Schulweg. Ich dachte mir, die Situation hier ist nicht mehr hinnehmbar, das ist einfach wahnsinnig dreckig, obwohl der Gedanke hinter dem Tauschen eigentlich sehr schön ist. Ich hatte Lust auf ein Nachbarschaftsprojekt und ich habe Lust dem Viertel auch was zurück zu geben. Ich dachte mir, neben dem Online-Phänomen, dass es in Leipzig z.B. viele Telegram-Gruppen gibt, wo Menschen quasi die ganze Zeit Dinge tauschen und teilen, wäre es auch schön, einen realen Ort zu haben, wo man das auch tun kann.

ACA: Reudnitz lebt von seinen jungen, kreativen, aktiven Leuten. Hast Du deine Wurzeln auch hier im Stadtteil?

Aaron: Ich bin in der Köbisstraße an der Riebeckbrücke aufgewachsen. Dann war ich lange Anger-Crottendorfer hinten in der Neubauer Straße gegenüber von der Eisdiele. Und ich war auch lange in der Trinitatis-Kirchgemeinde, da quasi erst Kindergarten, dann Kurende natürlich auch Konfi und Junge Gemeinde und so weiter. Dann war ich eine zeitlang in Sellerhausen und jetzt wohne ich in Zentrum West.

ACA: Wer steckt heute hinter dem Projekt „Lenes Tauscho“?

Aaron: Ich verstehe mich als Initiator des Ganzen. Ich habe das auf den Weg gebracht. Ich habe die Finanzierung und Planung gemacht. Das Konzept mache ich zusammen mit der „Verschenke-Kiste“, die bisher in der Wurzner Straße war (der ACA berichtete). Die haben aktuell keine Ladenfläche, sind aber ein gemeinnützigerVerein aus dem Leipziger Osten. Vordergründig stellen sie Kleidung für Menschen zum Tauschen und Teilen zur Verfügung – unentgeltlich – und finanzieren sich über Spenden. Das langfristige Konzept mache ich mit denen zusammen, aber alleine ist das eben nicht stemmbar.

ACA: Wer finanziert(e) euch den Schrank, wie kam das zustande? Sucht ihr immer noch Unterstützende über Crowdfunding?

Aaron: Es gab anfänglich eine Förderung von der Stadt – 3.000 Euro aus dem Stadtbezirksbudget. Nach Corona haben sich in den letzten Monaten die Materialpreise vervielfacht und das hatte ich nicht einkalkuliert. Deswegen musste ich also noch ein Crowdfunding machen. Das Crowdfunding läuft jetzt noch acht Tage bis zum 31. Oktober. Es sind über 3.000 Euro bereits zusammen gekommen. Man denkt es am Anfang nicht, aber es ist dann doch alles deutlich teurer als man sich das vorher ausgemalt hat, gerade, wenn man natürlich lokale Handwerksbetriebe nimmt und auch auf eine faire Bezahlung achtet. Ich habe mir ganz bewusst die Konstruktiv eG rausgesucht – ein Metallbaubetrieb, der eine Genossenschaft ist. Die zahlen einen Einheitslohn und sichern auch Immobilien in der Stadt, dass diese quasi dem Markt entzogen werden. Das ist nochmal ganz spannend. Die gehören zum Mietshäuser-Syndikat und sitzen in der „Betonkiste“ in Leipzig Grünau.

ACA: Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Aaron: Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich die Bürgerinnen und Bürger hier im Stadtteil alle zusammen für diesen Tauschschrank verantwortlich fühlen. Dass die Leute, ungefähr 500 bis 800 Menschen pro Tag, nicht nur holen und bringen, sondern dass sie auch mal Müll wegräumen, auch mal wischen, auch mal gucken. Dass die Leute sich also damit verbunden fühlen und das nicht nur so nebenbei nutzen. Das ist eigentlich mein größter Wunsch.

"Lenes Tauscho"

im Lene-Voigt-Park Höhe Albert-Schweitzer-Straße bzw. Kippenbergstraße

www.lenes-tauscho.de
www.instagram.com/lenes_tauscho





Was brachte die Europäische Mobilitätswoche 2021 Anger-Crottendorf?

  • Veröffentlicht: Dienstag, 14. Dezember 2021 21:08

Die Europäische Mobilitätswoche (EMW) ist eine Initiative der Europäischen Kommission. Seit 2002 bietet sie Kommunen in ganz Europa die Möglichkeit, ihren Bürgerinnen und Bürgern die komplette Bandbreite nachhaltiger Mobilität vor Ort näher zu bringen.
Vom 16. bis 22. September wurden unter dem Motto "Aktiv, gesund und sicher unterwegs" stadtweit auch in diesem Jahr zukunftsweisende Arten mobil zu sein ausprobiert: So wurden beispielsweise Parkplätze und Straßenraum umgenutzt, neue Fuß- und Radwege eingeweiht, Elektro-Fahrzeuge getestet, Schulwettbewerbe ins Leben gerufen und Aktionen für mehr Klimaschutz im Verkehr durchgeführt. Ziel ist immer, innovative Verkehrslösungen auszuprobieren und mit kreativen Ideen für eine nachhaltige Mobilität zu werben.

Ein fester Bestandteil der EMW in Leipzig ist der Bürgerverein Anger-Crottendorf. In diesem Jahr organisierte er gleich drei Projekte, eins davon in Kooperation mit dem Ostwache Leipzig e.V. Alle drei bewiesen ihre Praxis- und Enkeltauglichkeit und werden perspektivisch den Stadtteil dauerhaft verändern.

Mobilpunkt

In der Gregor-Fuchs-Straße, Höhe Haus 35, wurde vom 13. bis 26. September ein Mobilpunkt getestet. An diesem konnten zwei Fahrzeuge des örtlichen Carsharing-Anbieters ausgeliehen werden. Unter Carsharing (Deutsch: Autoteilen) versteht man die Möglichkeit, Autos kurzzeitig anzumieten, zum Beispiel über eine App. Die Nutzung der Fahrzeuge wird dabei in der Regel über einen Zeit- oder Kilometertarif abgerechnet oder eine Kombination aus beiden. Neben dem Free-Floating Angebot cityflitzer (dürfen überall abgestellt werden) gibt es in Anger-Crottendorf nur einen stationsbasierten Kleinwagen von teilAuto. Das ist in Hinsicht auf die anstehende Verkehrswende viel zu wenig. Mit dem Angebot während der EMW wurde die Verfügbarkeit somit erhöht. Der Bürgerverein bastelte zur besseren Sichtbarkeit die obligatorische blau-gelbe Mobilpunktsäule. Und die Fahrzeuge wurden mehr als intensiv genutzt.  

Der Hochdach-Kombi hatte neun Buchungen und eine Zeitauslastung von knapp 20% und 500 km Fahrweite. Der Kleinwagen hatte 13 Buchungen und eine Auslastung von über 50% und eine Gesamtfahrweite von knapp 2.000 km – innerhalb von nur zwei Wochen! „Ich würde sagen, das hat reingeknallt“, kommentierte die Aktion in Anger-Crottendorf Thorsten Bähr, Regionalleiter bei der Mobility Center GmbH, welche die Fahrzeugflotten von teilAuto und cityflitzer managed. „Angesichts dessen, dass das eine temporäre Station mit gleich zwei Fahrzeugen war, die im Vorfeld nicht angekündigt war, ist die Nutzungsstatistik schon Wahnsinn und zeigt eindeutig, dass es im Quartier großen Bedarf für das Mobilitätsangebot Carsharing gibt“, ergänzt Bähr. „Aus diesem Grund hoffen wir, dass die Stadtverwaltung alles möglich Machbare unternimmt, damit wir als Mobilitätsdienstleister weiter und noch stärker in die Quartiere gehen und Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum in Form von Mobilpunkten einrichten können, um unsere Dienstleistung noch flächendeckender anbieten zu können.“

Am genannten Standort sollte es eigentlich schon längst einen Mobilpunkt oder eine Mobilitätsstation geben. Im Gegensatz zu den schon länger bestehenden Mobilitätsstationen, die ein Komplettangebot von Carsharing, Fahrradleihe sowie Elektroauto-Ladesäulen bereithalten und sich stets an ÖPNV-Haltestellen befinden, sind Mobilpunkte für die kleinteiligere Erschließung von Wohngebieten gedacht. Sie halten nur ein oder zwei Mobilitätsservices bereit. Die Rechtslage gibt es inzwischen her, Bereiche im öffentlichen Straßenraum für Carsharing zu widmen. Leider hatte das Verkehrs- und Tiefbauamt über lange Zeit die Planungen dazu verschlafen. Im vergangenen Jahr hat die Pandemie einen Strich durch die Rechnung des Carsharing-Unternehmens gemacht.

Thorsten Bähr und der Bürgerverein Anger-Crottendorf arbeiten weiter daran, dass der Mobilpunkt bald dauerhaft Wirklichkeit wird.

Noch ein paar Fakten am Rand. Wer sich über fehlende Parkplätze aufregt, muss sich klarmachen, dass er oder sie mit dem eigenen Fahrzeug eben genau für diesen Mangel sorgt. Im Durchschnitt sitzen in jedem fahrenden Auto in Leipzig 1,3 Personen. Das private Fahrzeug steht zudem 23 Stunden am Tag herum und wird nicht bewegt, 19 Stunden davon am rechten Fahrbahnrand im öffentlichen Raum. Im Gegensatz zum eigenen Auto kann stationsgebundenes Carsharing mehr als 90% der Flächen des Verkehrs freisetzen. Denn im Durchschnitt teilen sich 39 Personen ein Carsharing-Auto. Mehr dazu im letzten Abschnitt dieses Beitrages.

Es soll Menschen geben, die ein privates Auto haben und behaupten, weil sie KfZ-Steuern zahlen, hätten sie ein Recht auf einen kostenlosen Parkplatz im öffentlichen Raum. Auch für jedes Carsharing-Fahrzeug wird eine KfZ-Steuer fällig. Aber oben drauf zahlt z.B. teilAuto für jeden Stellplatz im öffentlichen Raum in Leipzig eine Sondernutzungsgebühr von bis zu 405 Euro – pro Monat. In Anger-Crottendorfer Nebenstraßen sind es 315 Euro. Das ist der Preis für einen Stellplatz am rechten Fahrbahnrand. Wer möchte das bezahlen? Wer macht dazu eine Umfrage?

PARK(ing) Day

Unter dem Motto „Gebt den Kindern das Kommando!“ fand am 17. September der diesjährige PARK(ing) Day in der Stünzer Straße statt. Der Bereich zwischen der Kita Dschungelbande und der 74. Grundschule war während der Aktion autofrei. Noch müssen sich dort Zufußgehende und Autofahrende den Platz teilen, ein durchgängiger Gehweg fehlt. Es kommt regelmäßig zu brenzligen Situationen. Für eine Verbesserung der Situation streiten schon lange Zeit viele Akteure mit der Stadtverwaltung (der ACA berichtete). Diese sieht allerdings viele Hürden. Das es aber auch ganz einfach gehen kann und der Stadtraum auch anders – und vor allem sicher – genutzt werden kann, zeigte dieser Tag. Von 13 bis 18 Uhr konnten sich Groß und Klein frei und ungestört zwischen den aufgebauten Pavillons bewegen. Der Bürgerverein sorgte mit dem „Café AC“ für etwas Bistro-Feeling. Der Kuchen kam vom Brause-Bäcker, der Kaffee aus fairem Handel. Es gab ein Bastelzelt, einen Fahrradparcours, Infos zu Lebensmittelverschwendung und viel mehr noch an Spiel, Spaß und Spannung. Die Aktion war zusammen mit der Kita- und der Hortleitung der 74. Grundschule geplant und die Kids nutzen die sonst unmöglichen Möglichkeiten.

Für die Erwachsenen gab es etwas schwerere Kost. Der Berater für Verkehrsprobleme Alexander John klärte im „Forum AC“ über die  Mobilitätsstrategie 2030 auf und was diese für die Verkehrsentwicklung in Leipzig bedeutet. Er lotete zudem aus, ob eines Tages durch Anger-Crottendorf wieder eine Straßenbahn fahren wird – vielleicht sogar über die Gregor-Fuchs-Straße. Mit Stadtplanern des Amtes für Wohnungsbau und Stadterneuerung konnte zu diesem Thema ebenso ins Gespräch gekommen werden. Die beiden Stadträtinnen Katharina Krefft und Kristina Weyh waren ebenfalls vor Ort und warben für die baldige Umsetzung eines Quartiersbusses.

Einigen Erwachsenen gefiel die temporäre Umgestaltung der Straße so gut, sie brachten von Zuhause Stühle mit und setzten sich zum Plaudern einfach auf die Straße. Im Hintergrund spielte die Anger-Crottendorfer Band S.A.T.U. nach langer Corona-Pause zum ersten Mal wieder auf. Es war eine fröhlicher Nachmittag. Warum nicht immer so? Was zukünftig hier alles passieren wird, ist im Beitrag "Mehr Verkehrssicherheit in der Stünzer Straße" auf Seite 19 nachlesbar.

Quartiersbus

Ebenfalls seit Jahren arbeitet der Bürgerverein zusammen mit Engagierten des Stadtteils für eine bessere Erschließung von Anger-Crottendorf durch den ÖPNV. Die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) waren bisher um keine noch so absurde Ausrede verlegen, warum dies nicht möglich ist. Mal passt ein Bus nicht durch den Torbogen Theodor-Neubauer-Straße, mal schicken sie generell keine Gelenkbusse durchs Wohnviertel. Mit Blick auf einen Probebetrieb während der EMW hieß es von Seiten der LVB: „Mit einem Testbetrieb werden Erwartungen geweckt, (die) aus kommunikativer Sicht aber leicht nach hinten losgehen (können).“ Heißt: Bevor die LVB mit einer Aktion Bedarfe weckt, die sie nach der Aktion nicht bedienen kann, macht sie lieber nichts.

Dass es einen besseren ÖPNV im Stadtteil allerdings sehr wohl geben kann, bewiesen der Ostwache Leipzig e.V., der Bürgerverein Anger-Crottendorf und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Sie organisierten einen Bus, der am 18. September von 12 bis 18.30 Uhr immer wieder die selbe Runde abfuhr. Dabei steuerte dieser wichtige Halte- und Umsteigepunkte an, wie S-Bahnhof, Konsum, Kaufland, etc. Die zentrale Endhaltestelle war dabei die alte Feuerwache-Ost, in deren Innenhof der Ostwache Leipzig e.V. parallel sein Herbstfest feierte. Im Vorfeld wurden die Haushalte im Stadtteil mittels einer Postkarte von dieser Aktion informiert. Diese Postkarte galt gleichzeitig auch als Fahrschein für die genannte Zeit mit dem Quartiersbus. Auch auf der letzten Seite des Anger-Crottendorfer Anzeigers fanden alle Interessierten zwei heraustrennbare Tickets, mit denen die Mitfahrt kostenfrei möglich war.

Und das Angebot wurde rege genutzt. Zahlreiche Gäste sprachen sich für die Aktion sowie eine Dauerlösung aus und stiegen ein. Insgesamt neun Mal fuhr der Bus die definierte Strecke durch den Stadtteil und verband so zentrale Punkte, die bisher nur schwierig zu erreichen sind, weil die nächste Haltestelle für viele Menschen oft zu weit weg ist. Dabei waren insgesamt mehr als 120 Menschen mit an Bord. Während der Fahrt unterhielt der „Copilot“ die Fahrgäste mit launigen Informationen zum Stadtteil, Gebäuden, Straßennamen und anstehenden Entwicklungen.

Am Infostand vor der Ostwache konnten sich Interessierte den ganzen Tag zu der Aktion informieren und in einer Unterschriftenliste für ein Fortsetzen dieses Angebotes aussprechen. Insgesamt wurden an diesem Nachmittag 73 Unterschriften gesammelt.

Ganz stark war, dass keine klare Zielgruppe zu erkennen war. Von jung bis alt nahmen alle Altersgruppen teil. Die ältere Generation machte in Gesprächen deutlich, wie wichtig so ein Angebot für sie ist, und dass sie darauf schon lange warten. Kinder fuhren mehrmals mit, weil es einfach wahnsinnig toll ist, durch Anger-Crottendorf mit einem Bus zu fahren, was sonst nicht möglich ist.

Einen Schönheitsfehler lieferte allerdings das Wetter. Der Samstag war sehr kühl für einen Septembertag und gekennzeichnet von teils starken Schauern. Es ist davon auszugehen, dass dieses Wetter einige Menschen davon abhielt an der Aktion teilzunehmen.

Der Quartiersbus Anger-Crottendorf wurde finanziert mit Mitteln aus dem Stadtbezirksbudget. Wer dem Projekt im Stadtbezirksbeirat-Ost allerdings nicht zustimmte und dies unbegründet ablehnte, waren die beiden Mitglieder der CDU.

In der Aufsichtsratssitzung der LVB am 20. September wurde die Geschäftsführung der Verkehrsbetriebe durch die Aufsichts- und Stadträtinnen Kristina Weyh und Franziska Rieckewald über diese Aktion informiert. Die Geschäftsführung zeigte sich erstaunt und empfand es als sehr beschämend, dass die LVB diese Aktion trotz Anfrage durch der Organisator*innen nicht selbst durchgeführt hat.

Der Bürgerverein wird sich in der 48. oder 49. Kalenderwoche mit den Leipziger Verkehrsbetrieben an einen Tisch setzen und das Anliegen wiederholt deutlich machen. Dabei fließen in die Überlegungen der LVB die bürgervereinseigene "hervorragende Kenntnis der Rahmenbedingungen und Befindlichkeiten des Stadtteils" mit ein, wie die LVB kürzlich in einer E-Mail an den Bürgerverein verlautbaren ließ. Das Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung sucht zudem Sponsoren aus der Privatwirtschaft, die einen Bus – ähnlich des „Grünolino“ in Grünau – finanzieren können, bis dieser spätestens 2024 in den Linienbetrieb der LVB aufgenommen wird. Es bewegt sich was!

Aktion: Ring frei!

Zwar nicht in Anger-Crottendorf, dafür in der Innenstadt, hieß es am Sonntag, 19. September: Ring frei! Von 10 bis 17 Uhr war der Innenstadtring nur Zufußgehenden, Skatern und Radfahrenden vorbehalten. An zahlreichen Ständen informierten Initiativen über ihr Mobilitätsangebot, konnten Spiele gespielt und Dinge ausprobiert werden. Oder die Menschen gingen einfach nur spazieren. Die LVB ließ historische Straßenbahnen fahren und Menschen trafen sich auf dem Augustusplatz zu einem Rekordversuch – die größte Gehzeugparade der Welt.

Ein Gehzeug ist ein Gestell, das von einer Person getragen wird und die Abmessungen eines PKWs hat. Damit soll der enorme und als selbstverständlich empfundenen Platzbedarf eines Autos aufgezeigt werden, in dem aber meistens nur eine Person sitzt. Die Idee dazu geht auf den österreichischen Verkehrswissen-schaftler Prof. Dr. Hermann Knoflacher zurück, der 1975 das Gehzeug erfand. Er wollte damit die Fehlentwicklungen in der autogerechten Verkehrsplanung aufzeigen.

So bauten auf dem Augustplatz zahlreiche Menschen 105 Gehzeuge zusammen und fuhren – nein liefen – eine halbe Runde um den Ring. Weltrekordversuch geglückt!

An einer anderen Stelle des Rings versammelten sich 60 Menschen, mit Fahrrädern, dazu 46 private Autos, zwei Carsharing-Fahrzeuge, neun Ridepooling-Fahrzeuge und zwei moderne Elektrobusse der LVB. Vor dem Astoria startete die Aktion „Flächengerechtigkeit und nachhaltige Mobilität in Leipzig“. Die Leipziger Unternehmen CleverShuttle, seecon Ingenieure und teilAuto sowie die Initiative Verkehrswende Leipzig von Changing Cities e.V. stellten vor der Hotelbaustelle den Platzbedarf dar, den 60 Menschen benötigen, wenn sie zu Fuß, mit dem Rad, im ÖPNV, mit Carsharing-Angeboten oder dem privaten PKW unterwegs sind.

Das Ergebnis war klar. Die direkte Gegenüberstellung der vier Verkehrsträger (s. Foto) zeigt, dass Fußgänger*innen im Vergleich zu allen anderen Verkehrsträgern den geringsten Flächenbedarf (mit ca. 71 m²) haben. Überraschen mag die Tatsache, dass 60 Radfahrende (mit ca. 124 m²) mehr Platz beanspruchen als die Verkehrsmittel des straßengebundenen ÖPNVs (mit ca. 89 m²), die statistisch gesehen zur einmaligen Beförderung dieser Anzahl von Personen notwendig sind (Zeitpunktbetrachtung). Dagegen überrascht es sicherlich nicht, dass die 46 Privat-Pkw, die statistisch gesehen zur einmaligen Beförderung von 60 Personen notwendig sind, den größten Flächenbedarf (mit ca. 832 m²) aufweisen.

Und da Leipzig – wie auch Anger-Crottendorf – nun einmal nur begrenzt Platz hat, wird es dingend Zeit für eine Verkehrswende, die zweckdienliche und bedarfsgerechte Nutzung und Kombination verschiedener Verkehrsmittel möglich macht.

Der Bericht zur Aktion: "Flächengerechtigkeit und nachhaltige Mobilität in Leipzig" kann online nachgelesen werden, unter:

www.seecon.de/fnmleipzig





Wahlnachlese zur Bundestagswahl 2021

  • Veröffentlicht: Sonntag, 12. Dezember 2021 18:34

Am 26. September waren in Anger-Crottendorf 9.083 Menschen zur Wahl des 20. Bundestages aufgerufen. Insgesamt gaben 6.891 Wählerinnen und Wähler ihre beiden Stimmen ab. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 75,9%. Soweit passt das zum Bundestrend mit 76,9%. Aber das Endergebnis im Stadtteil selbst passt dann doch nicht mehr so, zeigen sich doch gravierende Unterschiede zum Rest der Republik.

Derzeit diskutieren SPD, Bündnis 90/ Die Grünen und FDP über die Bildung einer Ampelkoalition unter einem Kanzler Olaf Scholz. Wie es ausgeht, wird die Zeit zeigen. Die Koalitionsverhandlungen dauerten noch an, als dieser Text entstand. Die möglichen Koalitionäre planen in der Nikolaus-Woche den Kanzler wählen zu können, der dann eine Regierung aufstellen wird, so die oft wiederholten Bekundungen aus Berlin.

So lange kann der ACA allerdings nicht warten und betrachtet daher das Wahlergebnis in Anger-Crottendorf, den Nachbarstadtteilen und ganz Leipzig ohne eine Kenntnis von der neuen Regierung.

Anger-Crottendorf

Das Ergebnis der Bundestagswahl 2021 unterscheidet sich deutlich von dem von vor vier Jahren. Es reiht sich allerdings weitestgehend in die Ergebnisse der anderen vergangenen Wahlen aus 2019 ein (Europawahl, Stadtratswahl, Landtagswahl).

Die Zweitstimmen, die über die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag entscheiden, verteilen sich in Anger-Crottendorf wie folgt: auf Bündnis 90/ Die Grünen 24,3%, auf DIE LINKE 18,7%, auf SPD 16,6%, auf AFD 11,3%, auf CDU 9,5%, auf FDP 8,6%, auf Sonstige 11,0%.

Damit entschied Bündnis 90/ Die Grünen klar den Stadtteil für sich. Im Vergleich zu 2017 legte die Partei um 140% (plus 14,2%) zu. Ebenfalls steigern konnten sich die SPD (plus 4,5%) und die FDP (plus 1,9%). Alle anderen hier genannten Parteien mussten abgeben, teilweise sogar dramatisch. DIE LINKE, im Ergebnis zwar zweitstärkste Kraft, verlor 7,1%, die AFD 4,1%. Als Wahlverlierer kann hier die CDU genannt werden. Sie halbierte ihren Stimmanteil im Stadtteil (minus 9,6%).

Die Erststimmen, die darüber entscheiden, welcher Direktkandidierende in den Bundestag entsandt wird, verteilen sich in Anger-Crottendorf wie folgt: auf Nina Treu (DIE LINKE) 24,6%, auf Marie Müser (Bündnis 90/ Die Grünen) 18,1%, auf Holger Mann (SPD) 16,5%, auf Jens Lehmann (CDU) 13,8%, auf Christoph Neumann (AFD) 11,5%, auf René Hobusch (FDP) 6,9%, auf Sonstige 8,6%.

Somit erhielt Nina Treu (1684) die meisten Stimmen im Stadtteil, mit großem Vorsprung vor Marie Müser (1235), gefolgt von Holger Mann (1131). Alle traten in diesem Jahr zum ersten Mal an und konnten ggü. den Direktkandidierenden der vergangenen Bundestagswahl überzeugen. Sie legten bei den Einzelstimmen gegenüber 2017 zu: Treu (plus 80), Mann (plus 96), Müser hat sogar 711 Wahlstimmen mehr auf sich vereinen können als noch der Direktkandidat 2017. Jens Lehmann und Christoph Neumann, beide waren schon Mitglieder des letzten Bundestages, stellten sich wieder zur Wahl. Allerdings verloren beide massiv Einzelstimmen, Neumann (minus 198), Lehmann (minus 427). Somit kamen die beiden Erst- und Zweitplatzierten aus 2017 nur noch als Viert- und Fünftplatzierte ins Ziel.

Die Bundestagswahl 2021 bestätigt den Trend der vergangenen Wahlen. Anger-Crottendorf ist ein links-grüner Stadtteil, in dem mal die eine, mal die andere Partei den Sieg einfährt. 43% der Wahlberechtigten gaben einer der beiden Parteien ihre Stimme bei der Bundestagswahl 2021 (Europawahl 38,7%, Stadtratswahl  48,1%, Landtagswahl 47,0%). Es werden noch mehr, wenn man die SPD als eine linke Partei mit dazurechnen will.


In den Nachbarstadtteilen

Im Vergleich zu Anger-Crottendorf ist Reudnitz-Thonberg noch grüner. Sellerhausen-Stünz, lange Zeit schwarz, brach die Dominanz der CDU, wurde etwas roter.
In Sellerhausen-Stünz gewann die SPD (22,8%, plus 7,6%) vor AFD (17,7% minus 6,0%) und CDU (15,1% minus 8,2%). Auch hier halbierte sich die CDU bei den Zweitstimmen, Bündnis 90/ Die Grünen steigerten sich um mehr als das Doppelte. Den Stadtteil gewinnen konnte Holger Mann mit 21,8% (plus 3,6%). Jens Lehmann, 2017 noch klarer Sieger, verlor und landete mit 21,5% (minus 6,4%) auf dem zweiten Platz. Ihm fehlten am Ende 16 Stimmen.

In Reudnitz-Thonberg gewann Bündnis 90/ Die Grünen eindeutig mit 31,1% (plus 17,3%) der Zweitstimmen vor DIE LINKE 19,2% (minus 7,1%) und SPD 17,6% (plus 4,6%). CDU (7,6%, minus 10,1%) und AfD (7,0%, minus 3,8%) finden hier quasi nicht statt. Die meisten Erststimmen sicherte sich Sören Pellmann, DIE LINKE (29,6%, minus 0,3%) vor Paula Piechotta, Bündnis 90/ Die Grünen(25,6%, plus 12,4%). Die beiden Kandidierenden der AfD und CDU verloren an Stimmen gegenüber der Wahl 2017, Siegbert Droese, AfD (7,3%, minus 2,7%), Jessica Heller, CDU (9,9%, minus 10,6%).

Stadtgebiet

Den Wahlkreis 153 (Leipzig II) gewann Sören Pellmann (22,8%) vor Paula Piechotta (18,4%) und Nadja Sthamer (16,6%). Bei den Zweitstimmen liegt Bündnis 90/ Die Grünen (21,3%) knapp vor der SPD (20,9%). Den Unterschied machten 630 Stimmen.

Den Wahlkreis 152 (Leipzig I), in dem auch Anger-Crottendorf liegt, gewann Jens Lehmann (20,5%) knapp vor Holger Mann (20,2%). Den Unterschied machten 519 Stimmen. Die Zweitstimmen verteilten sich klarer. Die SPD holte mit 20,9% die meisten Stimmen, gefolgt von AfD (15,6%), Bündnis 90/ Die Grünen (15,5%) und CDU (15,0%).

Somit vertreten im 20. Bundestag die beiden direkt gewählten Jens Lehmann und Sören Pellmann die Stadt Leipzig. Über die Listenplätze (Zweitstimme) schafften es noch Holger Mann, Paula Piechotta und Nadja Sthamer nach Berlin.

Bemerkenswertes

In der ganzen Stadt ging die Wahl denkbar knapp aus. Dass Sören Pellmann für den Wahlkreis 153 im Bundestag mit Rückendeckung durch eine Fraktion sitzt, gelang nur, weil er eines von drei Direktmandaten holte. Bundesweit schaffte es DIE LINKE nicht über die Fünfprozenthürde. Lange Zeit galt der Süden Leipzigs als heiß umkämpft. Der Wahlkampf war bisweilen so hart, dass sich die beiden Kontrahent*innen Pellmann und Piechotta auf den diversen Wahlforen nicht mehr grüßten. DIE LINKE oder Unterstützer dieser, niemand weiß es so genau, plakatierte im Endspurt sogar Aufrufe, man solle mit beiden Stimmen DIE LINKE wählen, weil sonst der Wahlkreis an die CDU fällt. Ein klares Foul gegenüber Piechotta und Bündnis 90/ Die Grünen und nicht zutreffend, denn die CDU lief nur auf Platz vier ins Ziel.

So auch im Wahlkreis 152. Dort schaffte die CDU auch nur den vierten Platz, für eine ehemalige Dauersieger-Partei erschütternd mit Blick auf die Stimmenverluste. Jens Lehmann errang zwar das Direktmandat, aber nur um Haaresbreite. Er verlor gegenüber 2017 fast 10.000 Stimmen (minus 6,7%) und hielt sich nur, weil die zentrumsfernen Stadtteile ihn und die CDU wählten.

In Anger-Crottendorf verlor Lehmann klar, wie in vielen zentrumsnahen Stadtteilen. Dabei hatte er doch hier extra einen Verein gegründet, was er auf den diversen Wahlforen auch immer wieder betonte. Genutzt hat es ihm wenig. Der Blick auf die einzelnen Anger-Crottendorfer Wahlbezirke spiegelt das Anger-Crottendorfer Gesamtwahlergebnis wie oben beschrieben. Es ist ein links-grüner Stadtteil. Nur ein Wahlbezirk sticht da etwas heraus. Im Wahlbezirk 2209 konnte Lehmann seinen Konkurrenten Mann mit den Erststimmen überholen – mit 122 zu 105 Stimmen. Der 2209 ist übrigens der Wahlbezirk um die beiden Garagenhöfe Liselotte-Herrmann- und Krönerstraße. Ob die Stimmen an Lehmann den Vereinsmitgliedern nutzt, bleibt abzuwarten. Schließlich: Die Wahl ist vorbei und der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.

Alle Wahlergebnisse aus den Leipziger Wahlkreisen, unter:
https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/wahlen-in-leipzig/bundestagswahlen/ergebnisse-der-bundestagswahlen/ergebnisse-der-bundestagswahlen-2021




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