Aktuelles

Der kaputte Leipziger Wohnungsmarkt nun auch in Anger-Crottendorf

“Die Mieten steigen rasant. Es kommen immer mehr Haushalte an die Grenze des Leistbaren.” So klar formulierte es Anke Matejka bei einem Podiumsgespräch in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung am 19. Januar. Matejka ist Geschäftsführerin des Mietervereins Leipzig e.V., der sich um die Wahrung der Interessen von Mieterinnen und Mietern von Wohn- und Gewerberäumen bemüht. “Wir erleben immer öfter bewusste Verstöße von privaten Eigentümern gegen das Mietrecht. In etwa jedem zweiten Mietvertrag, den wir prüfen, wurde die Mietpreisbremse umgangen”, ergänzte Matejka bei der Veranstaltung in der Leipziger Burgstraße.

Die Mietpreisbremse ist ein gesetzliches Steuerungsinstrument für Neuvertragsmieten von Wohnungen. Sie gilt in Leipzig mit einem angespannten Wohnungsmarkt seit Juli 2022 und hat eigentlich das Ziel, dass Neuvertragsmieten ohne deutliche Verbesserung der Mietsache nicht beliebig hoch angesetzt werden können. Umgangen werden kann sie dennoch, sei es durch ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch. “Die Wohnung wird möbliert vermietet”, liest man dann häufig in den Anzeigen und staunt über die aufgerufenen Preise.

Generell erlebt auch Leipzig eine krasse Spreizung zwischen Bestandsmieten und Angebotsmieten, letztere vor allem nach Sanierung oder Neubau. Auch in Anger-Crottendorf hat sich der Wohnungsmarkt in eine Schieflage entwickelt. Der ACA berichtete schon gelegentlich darüber und schaute sich nun auch wieder die aktuellen Entwicklungen an.

Möbliert wird es teuer

Die Mietpreisbremse erlaubt bei Neuvermietungen Mieten bis maximal 10% über Mietspiegel. Anders ist das bei möblierten Wohnungen, dann kann zugelangt werden.
In der ehemaligen Karl-Krause-Fabrik lässt sich ein komplett möbliertes Apartment mieten. Für 42 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf ein Zimmer, werden 1.450 Euro/ Monat Kaltmiete aufgerufen.

Aus Arbeiterwohnungen werden hochpreisige Unterkünfte

Die Häuser Segerstraße 2 und Gregor-Fuchs-Straße 41 wurden bis Sommer 2025 saniert. Zuvor wurden sie leer gezogen, der “Altbestand” an Mietenden stand dem Vorhaben so nicht im Weg. Die Soziale Erhaltungssatzung, auch ein gesetzliches Steuerungsinstrument, welches die Wohnbevölkerung eines bestimmten Gebietes vor Verdrängungsprozessen schützen soll, die durch aufwendige Modernisierungen in Wohngebäuden verursacht werden, endet auf der anderen Seite der Segerstraße. Sie gilt also nicht für die kürzlich sanierten Häuser. Und so wurden aus Arbeiterwohnungen Unterkünfte mit opulenten Bäder mit Multimediaspielereien, abgehängten Decken mit umfangreicher LED-Beleuchtung, Echtholzparkett, großen Balkonen, Rollrasen und Warmmieten im vierstelligen Bereich. Für den Erstbezug auf knapp 73 Quadratmetern in der Gregor-Fuchs-Straße wurde im August 2025 z.B. eine Kaltmiete von 990 Euro/ Monat aufgerufen. Diesem “Lockangebot” wird sehr wahrscheinlich nach einem Jahr eine Mietpreisanpassung folgen – nach oben versteht sich.

Teure Wohnungen aber kein Winterdienst. Häuser Segerstraße 2 und Gregor-Fuchs-Straße 41 am 29. Januar 2026.
Foto: ACA

Methode: Zweckentfremdung

Gleich gegenüber in der Gregor-Fuchs-Straße 44 gibt es eine schöne Wohnung zu mieten. Unter der Beschreibung “Design Altbauwohnung mit Balkon und Parkplatz” lässt sich diese auf gängigen Internetportalen finden. Die möblierten 60 Quadrat- meter können ab 118 Euro angemietet werden – pro Nacht! Denn diese vier Wände werden als “Ferienwohnung” vermarktet und sind somit dem regulären Wohnungsmarkt entzogen.
Ob der Betrieb legal ist, konnte bis Redaktionsschluss nicht verifiziert werden. Denn die Nutzungsänderung einer baulichen Anlage von Wohnen hin zu gewerblichen Ferienwohnungen bedarf gemäß Sächsischer Bauordnung einer Baugenehmigung. Die Wohnung liegt zudem im seit 2020 geltenden Gebiet mit Sozialer Erhaltungssatzung, die einer solchen Umnutzung sehr enge Grenzen setzt und unter Genehmigungsvorbehalt seitens der Stadtverwaltung liegt.

Verspekuliert

In der Herbstausgabe 16/2022 berichtete der ACA über das Schicksal von Sandra Wehlisch, die sowohl ihr Atelier als auch ihre Wohnung aufgrund von Gentrifizierung und Spekulation am Immobilienmarkt verlor. Ihr Atelier befand sich in der “Zündkerzenwerkstatt”, ein zweistöckiges Werkstattgebäude im Hof der Dresdner 84. Dieses musste 2021 einem aktuell im Bau befindlichen Wohnkomplex weichen, ebenso wie die grüne Oase gleich nebenan mit vielen Starkbäumen. Ihre Wohnung befand sich damals in der Zweinaundorfer Straße 13. Das Gebäude kaufte 2022 ein Projektentwickler für 1,4 Mio Euro unter dubiosen Umständen. Sein Plan sah eine umfangreiche Sanierung vor hin zu hochpreisigen Wohnraum. Wehlisch wandte sich an die Stadtverwaltung. Das Haus liegt im Gebiet der Sozialen Erhaltungssatzung, die Stadt Leipzig hätte ein Vorkaufsrecht, um das Milieu zu erhalten. Sie tat es aus verschiedenen Gründen nicht. Kurz nachdem Wehlisch als letzte Mieterin ihren Auszug bekannt gab, realisierte der Eigentümer, dass er sich verspekuliert hatte. Seine Rechnung ging nach zwischenzeitlicher Inflation, Baupreissteigerung und ausbleibenden Interessenten nicht mehr auf. Er verkaufte 2024 schließlich das Haus mit Verlusten an den nächsten Projektentwickler, wie die Stadtverwaltung Wehlisch auf Nachfrage mitteilte. Der Neue hat nun die Fenster zugemauert. Nicht nur im Erdgeschoss, auch in der ersten Etage. Sicher ist sicher. Auch so kann man dringend benötigte Wohnungen dem Markt entziehen.

Zweinaundorfer Straße 13, zugemauert bis in die erste Etage.
Foto: ACA

Neubauten im Turboverfahren

Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) berichtete in der Ausgabe 17./18. Januar 2026 über den sogenannten Bauturbo und dessen Anwendung in Leipzig. Mit dem Gesetz, welches noch die Ampel-Regierung in Berlin angestoßen hatte, sollen Kommunen die Möglichkeit erhalten, Genehmigungs- verfahren zu straffen, indem sie von Bebauungsplänen abweichen können. Ziel ist es, dass schneller gebaut, nachverdichtet oder aufgestockt werden kann. Das Erstellen eines Bebauungsplans war bisher z.B. für Baugrundstücke über einem Hektar Fläche verpflichtend. Diese Verfahren dauern aber oft mehrere Jahre.

Werden die Garagen in der Breite Straße 15 südlich des Ramdohrschen Parks schon bald einem Wohnprojekt weichen?
Foto: ACA

Im Beitrag der LVZ nennt Baubürgermeister Thomas Dienberg (Bündnis 90/Die Grünen) ein konkretes Vorhaben im Stadtteil, bei dem das Schnellverfahren angewandt werden könnte. “In Anger-Crottendorf befindet sich südlich vom Ramdohrschen Park eine Gewerbefläche, die hauptsächlich von einem Gebrauchtwagen-Autohandel genutzt wird. Ein Investor will dort auf reichlich einem Hektar Wohnungen schaffen, was sich mithilfe des Turbo zügig genehmigen ließe.” Bei genauerer Betrachtung und unter Einbeziehung der genannten Flächengröße von “reichlich einem Hektar” betrifft das Vorhaben nicht nur den Autohandel, sondern auch die Garagen auf dem Nachbargrundstück. Wie es an dieser Stelle weitergehen wird, mit welchen Wohnungen zu welchen Preisen – und vor allem wie schnell – wird die Zeit zeigen. Die Leipziger Ratsversammlung jedenfalls beschloss am 25. Februar die Anwendung des Bauturbos.

———–

Mehr Informationen zur Sozialen Erhaltungssatzung,
unter: www.leipzig.de/stadterneuerung

———–

Der Beitrag „Der kaputte Leipziger Wohnungsmarkt nun auch in Anger-Crottendorf“ von Darius N. Ehrlicher erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.

Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger

 

„Die finanzielle Lage in Leipzig ist wirklich dramatisch“

Das Thema „Kommunale Haushalte“ beschäftigt nicht nur den Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. Es sollte uns alle beschäftigen, schließlich hängt davon ab, was direkt vor unserer Haustür passiert oder eben nicht. Auch den Leipziger Stadtrat beschäftigt das Thema, denn dieser hat die Hoheit über die Finanzen der Stadt. Der ACA fragte daher bei Kristina Weyh und Dr. Tobias Peter nach, welche Auswirkungen auf den Stadtteil die finanzielle Lage der Stadt hat und haben wird. Beide sind seit 2019 Stadträte für Bündnis 90/ Die Grünen und Mitglieder im Ausschuss für Stadtentwicklung und Bau sowie zur Zeit Fraktionsvorsitzende.

ACA: Der Doppelhaushalt 2025/2026 wurde erst im September des vergangenen Jahres genehmigt. Die Landesdirektion sieht ihn kritisch und drang auf Kürzungen. Die Aussichten für die kommenden Jahre sind eher schlecht. Wie beurteilen Sie die Lage?

Weyh: Die finanzielle Lage in Leipzig ist wirklich dramatisch, das Defizit wächst beständig weiter an. Neben einbrechenden Einnahmen in der Gewerbesteuer sind die Zuweisungen von Bund und Land für die von der Stadt zahlreich zu erfüllenden Pflichtaufgaben viel zu gering und nicht kostendeckend. Hier braucht es dringend grundlegende Reformen zur Finanzierung der Kommunen mit dem Prinzip ‘Wer bestellt, bezahlt!’. Bislang bestellen Bund und Länder zahlreiche Leistungen, die in den Kommunen umgesetzt werden müssen, finanziert diese aber nicht ausreichend. Hier legen wir beständig drauf, können uns das aber eigentlich nicht leisten, außer die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sprudeln. Hinzu kommt, dass wir dringend in Leipzig unsere Strukturen verbessern und Effizienzen heben müssen. Stichworte sind hier Verwaltungsmodernisierung, Digitalisierung oder Aufgabenkritik. Hier haben wir in Leipzig auch einen eigenen Beitrag zu leisten. Uns ist es aber als Bündnisgrünen auch wichtig, auf die Verbesserung der Einnahmen zu schauen, auf die wir selbst den Einfluss haben. Wir sehen für Leipzig eine Verpackungssteuer. Wir sehen, dass die Gebühren für das Bewohnerparken dringend angehoben werden müssen und das Bewohnerparken generell ausgeweitet werden muss. Wir müssen auch über die Kita-Gebühren reden, die sind unterhalb des gesetzlichen Mindestniveaus. Wir Bündnisgrünen schlagen schon lange ein Gesamtpakt vor: Einnahmen erhöhen – Ausgaben reduzieren – alle Beiträge zur Konsolidierung nutzen. Und das sozial gerecht und nachhaltig.

Krisitina Weyh und Dr. Tobias Peter.
Foto: Martin Jehnichen

ACA: Was bedeutet das alles, vor allem aber das „Invest Moratorium“ des Kämmerers Torsten Bonew (CDU), für Projekte im Stadtteil wie die Ostwache, den Crottendorfer Plan – auch als “Wäldchen” bekannt – und den eigentlich beschlossenen Neubau der Kita Sonnenblume in der Krönerstraße?

Peter: Zu den genannten Projekten läuft derzeit noch die verwaltungsinterne Abstimmung. Wir erwarten insbesondere bei der Ostwache, dass hier endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Nach der erfolgreich wiederholten Konzeptvergabe muss die Verwaltung jetzt zügig die Vorlage in den Stadtrat bringen, damit die Liegenschaft an den Verein per Erbbaupacht übergeben werden kann. Die Kita Sonnenblume in der Krönerstraße ist von den Budgetkürzungen nicht betroffen, der Ersatzneubau am Standort wird weiterhin verfolgt. Der Baubeginn ist nach wie vor für Mitte 2026 vorgesehen und die entsprechenden Gelder sind im Investitionshaushalt eingestellt. Die Bauzeit wird voraussichtlich 3 Jahre betragen.

So soll die Kita “Sonnenblume” aussehen. Die finanziellen Mittel für das Projekt sind im Doppelhaushalt 2025/26 eingestellt.
Visualisierung: Dohle+Lohse Architekten

ACA: Bleiben wir kurz beim „Wäldchen“. Der östliche Teil wurde vom Stadtrat auf Initiative ihrer Fraktion 2023 als „Urbaner Wald“ eingestuft [der ACA berichtete in der Ausgabe 21/2024]. Allerdings befindet sich das Grundstück nicht in kommunalem Eigentum. So genau sind die Besitzverhältnisse leider nicht geklärt. Am Landgericht Hildesheim wurde seit Mai 2025 die Insolvenz der German Property Group verhandelt, zu deren verschachteltem Firmengeflecht das Grundstück gehört – übrigens genauso wie die Karl-Krause-Fabrik seinerzeit. Gibt es zum Verfahren Neuigkeiten?

Peter: Dazu gibt es derzeit keinen neuen Stand.

ACA: Wird sich die kommunale Haushaltslage auf die Buslinie 89 auswirken, die Ende 2026 den Quartierbus 71 ersetzen wird und eine direkte Anbindung Anger-Crottendorfs über Augustus- und Wilhelm-Leuschner-Platz bis nach Connewitz herstellen soll?

Weyh: Hier musste es kleine Anpassungen geben, allerdings nicht wegen der Haushaltslage. Die Kombination der Linien 71 und 89 zu einer durchgehenden Buslinie von Anger-Crottendorf bis Connewitz ist nach wie vor Bestandteil der Planungen zum „Liniennetz der Zukunft“. Allerdings wird die Maßnahme nicht – wie ursprünglich geplant – zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 umgesetzt, sondern gemeinsam mit der Verlängerung der Linie 12 nach Stötteritz im Frühjahr 2027, wenn die komplexe Baumaßnahme Stötteritzer Straße fertiggestellt ist. Die Umsetzung steht jedoch generell immer unter dem Vorbehalt der Verfügbarkeit der eingeplanten finanziellen Mittel für die LVB auch in den kommenden Jahren. Hier sind wir aber aus der Erfahrung heraus zuversichtlich, dass diese Mittel kommen werden, damit der ÖPNV in Leipzig weiterhin das Rückgrat der Mobilität für Alle bleibt.

Der Quartierbus 71 in Anger-Crottendorf wird voraussichtlich im Mai 2027 zur Linie 89 und fährt dann über die Innenstadt bis nach Connewitz. Wenn das Geld reicht.
Foto: ACA

ACA: Leipzig wächst langsamer, die Geburtenzahlen sinken. Wie wirkt sich das – zusätzlich zur Haushaltslage – auf den angedachten Grundschulstandort Gregor-Fuchs-Straße aus, auf dem heute noch zwei Garagenhöfe stehen?

Peter: Das lässt sich noch nicht abschließend sagen. In den Investitionsplanungen für Schulneubauten ist die Schule derzeit nicht vorgesehen. Die aktuelle Schulnetzplanung von 2024 weist einen Bedarf für die Grundschule aus, es ist aber noch offen, ob dies für die Zukunft so bleibt. Derzeit wird die Bevölkerungsvorausschätzung der Stadt Leipzig überarbeitet. Nach Vorlage der neuen Ergebnisse wird die Entwicklung des Bedarfs an Schulplätzen im gemeinsamen Schulbezirk SO2 sowie den angrenzenden Schulbezirken erneut evaluiert. Anhand der aktualisierten Daten zur Einwohnerentwicklung kann die Frage, ob der Neubau der dreizügigen Grundschule am Standort „Gregor-Fuchs-Straße” weiterverfolgt wird, neu betrachtet werden.

Modell der Grundschule hinter der Ostwache (li.), aus der Abschlussarbeit einer Architekturstudentin. Wird der Schulstandort zukünftig noch gebraucht?
Foto: ACA

ACA: Apropos Grundschule: Zum Garagen- bzw. Schulstandort Katzmannstraße – auch dort soll ein Garagenhof einem Schulneubau weichen [der ACA berichtete] – hatten Sie im Stadtrat zur Ausgestaltung der Pachtverträge angefragt. Worum ging es Ihnen genau?

Weyh: In den DDR-Altverträgen zur Nutzung städtischer Grundstücke für Garagenhöfe war dem Grunde nach bereits vertraglich geregelt, dass eine stadtseitige Kündigung der Verträge sowie ein durch die Nutzerinnen und Nutzer zu zahlender Rückbau im Falle der kommunalen Selbstnutzung zur Erfüllung gesetzlicher Pflichtaufgaben möglich ist. Gründe dafür können sein, dass das Gelände zur Erfüllung gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Aufgaben benötigt wird und der Pächter den Grund und Boden frei von Schutt und Löchern zu übergeben hat. Wir wollten die Rechtslage klären. Mittlerweile hat sich der Stadtrat bereits dazu bekannt, dass die Kosten für den Rückbau der Garagen von der Stadt getragen werden.

ACA: Gibt es solche Klauseln auch in den Verträgen in Anger-Crottendorf?

Weyh: Vermutlich ja, die DDR-Altverträge hängen ja nicht an den Standorten.

ACA: Zum Schluss ein Blick nach vorn: Anger-Crottendorf 2030. Worauf können sich die Menschen im Stadtteil freuen bzw. worauf sollten sie sich einstellen?

Peter: Auch unter schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen setzen wir uns dafür ein, zentrale Projekte für Anger-Crottendorf umzusetzen. Dazu gehört der Parkbogen Ost und die Neugestaltung des Polygraphplatzes mit viel Grün und Aufenthaltsqualität, wie es der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs vorsieht. Am Polygraphplatz gelegen, wird die Ostwache ein lebendiges Nachbarschaftszentrum sein, das in guter Zusammenarbeit mit der Grundschule zu einer neuen, attraktiven Mitte des Stadtteils geworden ist. Mit dem Liniennetz der Zukunft, Superblocks und Anwohnerparken haben wir dafür gesorgt, dass man in Anger-Crottendorf besser denn je sicher und umweltfreundlich mobil ist.

———–

Das Interview „Die finanzielle Lage in Leipzig ist wirklich dramatisch“ von Marcel Pruß und Josef Trauth erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.

Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger

Parkbogen Ost: Baufortschritt am Sellerhäuser Viadukt und der Brücke über die Eisenbahnstraße

Seit Dezember 2024 laufen die Arbeiten auf dem und um das Viadukt zwischen Eisenbahn- und Liselotte-Herrmann-Straße. Im gesamten Bereich, jedoch vor allem auf der Dammebene und dem Viadukt, finden Tief- und Ingenieurbaumaßnahmen statt, die zur Entwicklung der zukünftigen Wegeverbin- dungen und der notwendigen Ausstattung dienen. Unter anderem wurden Zisternen zum Auffangen von Regenwasser für die Bewässerung der Bäume auf dem Viadukt eingebaut. Die Arbeiten an den Pflanztrögen für 60 Bäume sind in vollem Gange. Zum Schutz des bereits installierten Geländers auf dem Viadukt wurden Holzplatten installiert. Diese wurden in Zusammenarbeit mit Graffitikünstler/-innen gestaltet, um Diebstahl entgegenzuwirken, bisher erfolgreich.

Am ehemaligen Bahndamm laufen Vorbereitungen für die künftigen Zu- und Abgänge in Form von Treppen- und Rampenanlagen zur Verbindung der oberen und unteren Parkebenen. Die Treppe südlich des Viadukts ist in großen Teilen bereits erkennbar, am Weg zwischen der Liselotte-Herrmann-Straße und zum Kleingartenpark wurden die Standorte der neuen Wegbeleuchtung festgelegt.

Pflanztröge für Bäume auf dem Viadukt.
Foto: René Zieprich

Brücke Eisenbahnstraße

Des Weiteren erfolgt momentan der Neubau einer Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Eisenbahnstraße. Die Widerlager der alten Brücke wurden dammseitig freigelegt und die Betonquader abgebrochen. Der Abbruch macht es möglich, die Engstellen der Fußwege zu beseitigen. Die Flügelwände aus Bruchsteinmauerwerk bleiben erhalten und werden saniert.
Die Schalung für das Brückenauflager steht bereits und die Betonierarbeiten folgen bzw. laufen. Die Arbeiten am Widerlager sollen im Sommer enden. Bis Ende des Jahres soll die Brücke fertig sein, so der Zeitplan.
Die notwendigen Abbrucharbeiten an den Resten der ehemaligen Station Sellerhausen auf dem Damm sind bereits abgeschlossen, was auch an dieser Stelle den Weg für den weiteren Ausbau des Rad- und Gehweges freimacht.

Der Brückenneubau über die Eisenbahnstraße geht voran.
Foto: ACA

Investition in die nachhaltige Infrastruktur im Leipziger Osten

Nur mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung von Land, Bund und EU kann der Parkbogen als wichtiges Mehrzielprojekt der Stadtentwicklung weiter geplant und gebaut werden. Für den insgesamt rund 500 Meter langen Bauabschnitt Viadukt oben zwischen der Liselotte-Hermann- und Eisenbahnstraße sowie die ergänzenden Maßnahmen werden rund 8,9 Mio. € investiert. Der Stadt Leipzig werden für diese Baumaßnahme Fördergelder in Höhe von insgesamt rund 4,8 Mio. € über das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus zur Verfügung gestellt. Für die Brücke Eisenbahnstraße stehen rund 750.000 € Eigenmittel der Kommune sowie Finanzhilfen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) in Höhe von rund 1,75 Mio. € zur Verfügung, insgesamt also rund 2,5 Mio. €. Das Betreten der Baustellen ist bis zum Ende der Bautätigkeiten nicht möglich. Die Stadt Leipzig sowie die Baufirmen bitten hierfür um Verständnis.

Drohnenaufnahme der Bauarbeiten am Viadukt an der Wurzner Straße im September 2025.
Foto: Birk Poßecker

Ausblick

Im Anschluss an die Fertigstellung des Abschnitts Viadukt erfolgt unmittelbar die Umsetzung des nächsten Abschnitts bis zur Ostwache, dem so genannten Abschnitt Gartenpark. Dieser Abschnitt wird mit Mitteln des EFRE umgesetzt und voraussichtlich bis Ende 2027 fertiggestellt. Danach stehen die Flächen wieder allen Nutzenden zur Verfügung, und rund 1.000 Meter des Sellerhäuser Bogens können den Bürgerinnen und Bürgern übergeben werden.

Mehr zum Thema Parkbogen:

Parkbogen Ost: Stadt baut Gartenpark und neue Brücke über die Torgauer Straße

Parkbogen Ost: Vom Bauwerk zur lebendigen Landschaft – Sellerhäuser Viadukt wird bepflanzt

———–

Der Beitrag „Parkbogen Ost: Baufortschritt am Sellerhäuser Viadukt und der Brücke über die Eisenbahnstraße“ von René Zieprich erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.

Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger

Kulturelle Aneignung: Ostern für Alle!

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei!“ So heißt es in einem Karnevalslied. Das dürfte übertrieben sein. Aber immerhin ist dann der Fasching vorüber. In christlicher Tradition beginnt danach die Passions- oder Fastenzeit. Früher bedeutete dies vor allem Fleischverzicht, die Sonntage ausgenommen. Heute fasten Christ*innen und Nicht-Christ*innen alles Mögliche: Alkohol, Schokolade und hoffentlich auch Stress.

Die Nikolaikirche in Leipzig.
Foto: Jens-Eberhard Jahn

In diesem Jahr begann gleichzeitig für Muslimas und Muslime der Fastenmonat Ramadan, in dem zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht gegessen und getrunken werden darf. Spätabends kommen Familie und Freunde zusammen, um dann zu feiern. Der Ramadan soll ein Monat erfüllter und friedvoller Begegnungen sein.

In diesem Jahr haben Ramadan und christliche Fastenzeit gleichzeitig begonnen

Fasten bedeutet Verzicht, verbunden mit Gewinn von Freiheit und der Erfahrung, wie es ist, wenn eben irgendetwas mal keinen Platz im Alltag haben soll. Dies kann bereichernd sein. Doch schon die alt-israelischen Propheten mahnten, dass die Herstellung einer gerechten Gesellschaft ein weit besseres Fasten sei als der Verzicht auf irgendetwas oder die Asche aufs Haupt. Der Prophet Jesaja beschrieb das „bessere Fasten“ recht eindrücklich: „Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass frei, die du unterdrückst, reiß jedes Joch weg!“ Klingt nach Marx, danach „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes […] Wesen ist“. Und spätestens somit erhält das Fasten eine gesellschaftliche und sogar politische Dimension.

Im Kirchenkalender folgt auf die Fastenzeit das Osterfest, auf die Erfahrungen, dass es auch mal anders geht, folgt die Auferstehung.

Hase und Ei sind Symbole für Geburt und Fruchtbarkeit

In vielen Kulturen finden zu ähnlicher Zeit Frühlingsfeste statt, mit denen die Auferstehung der Natur aus winterlicher Totenstarre gefeiert wird. Im christlichen Fokus steht die Auferstehung des Rabbiners Jesus, wie sie aus dem Neuen Testament überliefert ist. Sie soll in den Tagen des jüdischen Pessachfestes, dem im orientalischen Jahresverlauf ersten Erntedankfest, stattgefunden haben.

Die Bibel ist nun aber kein Tatsachenbericht, sondern eine Sammlung vieler Bücher aus vielen Jahrhunderten. Da gibt es Gesetzbücher, Lieder, Geschichten und Geschichtsbücher, Reden, Prophezeiungen und Briefe.

Der Apostel Paulus erzählt in seinen Briefen schon um das Jahr 50 unserer Zeitrechnung von der Auferstehung Jesu. Eigentlich hatte das gesamte jüdische Volk, das unter römischer Besatzung politische und religiöse Krisen erlitt, eine Art Auferstehung nötig.

Am Titusbogen in Rom gibt es ein Relief mit Menora und anderer Kriegsbeute

Die Autoren der Evangelien hatten noch eine weitere historische Erfahrung gemacht, als sie wiederum einige Jahrzehnte später zusammenfassten, was über Jesus von Nazareth überliefert war: den jüdischen Krieg. Der jüdische Aufstand gegen die römischen Besatzer des Landes im Jahr 70 war nicht nur erfolglos geblieben, sondern hatte in die Katastrophe geführt. Die Römer hatten den Tempel geplündert und zerstört und zehntausende Jüdinnen und Juden in die Sklaverei nach Rom verschleppt. Für eine Wiederbelebung des dadurch gebeutelten Judentums wäre vielleicht auch die Auferstehung Toter zielführend gewesen.

Am Titusbogen in Rom gibt es ein Relief mit Menora und anderer Kriegsbeute.
Foto: Jens-Eberhard Jahn

Ein belebender gesellschaftlicher Bezug auf das eher spirituelle Osterfest kann die soziale Dimension des Fastens ergänzen. Doch wer glaubt heute schon noch an die Auferstehung der Toten? Der bedeutende mittelalterliche Mystiker und Philosoph Meister Eckhardt hielt den Unterschied zwischen natürlichen und übernatürlichen Vorgängen allerdings schon zu seiner Zeit für unwesentlich und empfahl, dass man sich darum gar nicht erst kümmern soll. Einer der Gelehrten, die Meister Eckhardt am meisten beeinflusst haben, war Rabbi Moses ben Maimod, ein jüdischer Arzt und Philosoph aus Andalusien, besser bekannt als Maimonides. Er hatte für die Lektüre biblischer Texte einen einfachen Tipp: Wer geistig eher schlicht sei, solle den Text wörtlich nehmen. Wer aber mit wissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut sei, solle versuchen, den Text als Gleichnis, allegorisch, in einem übertragenen Sinn zu verstehen.

Im übertragenen Sinn tut Auferstehung und Befreiung aus Zwängen jeder und jedem gut: quicklebendig sein zur Gestaltung einer friedlichen und gerechten Gesellschaft. Das gilt eigentlich immer und überall und auch in Anger-Crottendorf.

———–

Der Beitrag „Kulturelle Aneignung: Ostern für Alle!“ von Jens-Eberhard Jahn erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.

Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger

Der 25. Anger-Crottendorfer Anzeiger ist da

Am 1. April 2026 erscheint die neueste Ausgabe des Stadtteilheftes Anger-Crottendorfer Anzeiger. Das Heft liegt in Läden und Geschäften im Stadtteil aus und kann kostenfrei mitgenommen werden. Darüber hinaus kann es auch bald auf der Hompage des Bürgervereins Anger-Crottendorf e.V. heruntergeladen werden.

Wissen Sie eigentlich wofür die Stadt Leipzig alles Geld ausgibt? Der Leipziger Doppelhaushalt 2025/26 umfasst rund 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. Mehr als 90 Prozent der Ausgaben sind Pflichtleistungen, rechtlich oder vertraglich gebunden, etwa für Sozialleistungen nach Bundes- und Landesrecht, Personal, Kitas und Schulen, den öffentlichen Nahverkehr oder Zinslasten. Diese Pflichtaufgaben lassen der Kommunalpolitik nur sehr geringen Gestaltungsspielraum. Und so hat die Haushaltslage auch direkte Auswirkungen auf das Leben in Anger-Crottendorf.

In dieser Ausgabe des Anger-Crottendorfer Anzeigers fragt die Redaktion daher, wie die sehr angespannte finanzielle Situation der Stadt sich im Stadtteil auswirken wird.

Und die Schreibenden möchten, dass sich die Lesenden noch mehr mit dem Stadtteil und der Stadt auseinander setzen. Denn es ist unser-aller Stadt, die wir alle gestalten können, wenn wir es wollen. Dazu sind im Heft viele weitere Themen zusammengetragen.

Viel Spaß beim Lesen!