Die Nutzung von Garagenhöfen ist seit einiger Zeit ein Thema in der Stadt. Auch in Anger-Crottendorf sollen die beiden Garagenhöfe in der Krönerstraße und Liselotte-Herrmann-Straße einem dringend benötigten Grundschulneubau weichen. Seit vier Jahren gibt es darüber Debatten.
Bei diesen Diskussionen wird häufig in den Raum gestellt, dass Garagenhöfe wichtige soziale Orte seien. Da die Stadtverwaltung allerdings wenig darüber weiß, was auf den ca. 200 Garagenhöfen in Leipzig passiert, gab sie eine Studie in Auftrag. Diese wurde am 17. Dezember 2024 im Rahmen der Filmreihe “Architektur im Film” im Stadtbüro vorgestellt – mit lautstarken Störversuchen einer kleinen Minderheit bestehend aus Garagennutzern aus Anger-Crottendorf und einem Mitglied des Stadtbezirksrates Ost für die CDU.
Da an diesem Abend ein intensiver Austausch nicht weiter möglich war, traf sich der Anger-Crottendorfer Anzeiger noch einmal mit dem Autor der Studie, Prof. Dr. Thomas Schmidt-Lux vom Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, um mehr über die Studie und die beiden Anger-Crottendorfer Garagenhöfe zu erfahren.
Herr Prof. Schmidt-Lux, Sie haben in einer Studie “Garagenhöfe als Sozialräume?” untersucht. Das Fragezeichen ist sicher nicht zufällig gesetzt. Was ist das Ergebnis ihrer Arbeit?
Die Hauptaufgabe war zu schauen und herauszufinden, ob die Garagenhöfe in Leipzig ein starker sozialer Ort sind, ein Ort des gemeinschaftlichen Seins und Tuns, wie das von manchen Protagonisten dargestellt wird. Im Ergebnis sind wir skeptisch, was das angeht. Uns sind nur in Ausnahmefällen Garagengemeinschaften begegnet, wo eine größere Gruppe regelmäßig zusammen etwas unternimmt. Dass also ein wichtiger sozialer Ort durch einen Abriss z.B. wegfällt, ist also kein gutes Argument, wenn man sich damit gegen einen Abriss stellt.

Foto: ACA
An der öffentlichen Präsentation der Studie im Rahmen der Reihe „Architektur im Film“ nahmen auch Menschen von den Anger-Crottendorfer Garagenhöfen teil. Die Veranstaltung hatte eine merkwürdig-aggressive Stimmung und drohte mehrfach zu kippen. Wie haben Sie den Abend im Stadtbüro erlebt?
Es gab nie eine offizielle Vorstellung dieses Berichtes. Und auch das war keine. Der eigentliche Veranstaltungssinn ist diese Filmreihe, an besagtem Abend mit dem Film “Garagenvolk” aus dem Jahr 2020. Die Veranstalter sind für jeden Termin bemüht einen Bezug zu Leipzig herzustellen. Daher wurde ich angefragt. Wenn es dann aber eine Viertelstunde erst einmal hoch hergeht, ist die Zeit eigentlich um. Der Film für sich ist interessant. Dass der Teil vorher so lief, wie er lief, fand ich unglücklich, aber gleichzeitig war das zu erwarten. Die Leute aus Anger-Crottendorf haben an dem Abend aber nicht viele Punkte gemacht. Taktisch fand ich das nicht klug.
Wie kam es in der Studie zu dem Schwerpunkt Anger-Crottendorf?
Es sollte kein Schwerpunkt sein. Der Stadtteil findet mehr Erwähnung, weil dazu schon mehr geschrieben wurde, es öffentliche Debatten und Diskussionen gab. Inzwischen würde möglicherweise Mockau-West eine stärkere Rolle spielen. Zu Anger-Crottendorf haben sich mehr Protagonisten geäußert, da gab es eine starke Gruppe auf den Garagenhöfen, die dahinter steht. Das Ergebnis der Studie bezieht sich aber auf die insgesamt 40 Garagenhöfe, die wir betrachtet hatten.
Sie unterscheiden verschiedene “Garagenpraktiken”, also verschiedene Nutzungen der Garagen und der Höfe. In der Stadtgesellschaft wird gemutmaßt, dass in Garagen doch eher eine recht überschaubare Anzahl an Autos zu finden ist. Wie werden die Garagenhöfe im Stadtteil genutzt?
Garagen sind individuell ganz sicher bedeutsam – für verschiedene Vorhaben. Das darf man auf städtischer Seite nicht unterschätzen. Wie die Garagen in Anger-Crottendorf genutzt werden, weiß ich nicht. Das haben wir auf keinem Garagenhof systematisch untersucht. Aus unserer Einschätzung sind aber Nutzungen von Autos weiterhin in der Mehrheit.
In der Studie fallen zwei Begriffe: nämlich “meinungsstarke Akteur:innen” und “weniger meinungsstarke Akteur:innen”. Auf wen trafen Sie auf den Garagenhöfen im Stadtteil und unterscheiden sich deren Ansichten?
Wir nahmen in Anger-Crottendorf am 50-jährigen Jubiläumsfest der beiden Garagenhöfe am 16. September 2023 teil. Wenn wir mit Verantwortlichen bzw. Vorsitzenden gesprochen haben, dann lag denen natürlich mehr am Bestehen des Garagenhofes als Einzelnen. Die Einzelnen, die wir angetroffen haben, verstehen aber schon, dass es konkurrierende Interessen gibt. Es braucht an manchen Orten eben auch Platz für anderes.
Sie schreiben: “Akteure hoff(t)en auf ein Votum in ihrem Sinne” mit dieser Studie. Wie ist ihr Votum konkret?
Die Verantwortlichen wollten schon, dass mit der Studie etwas Positives für sie heraus kommt. Wir haben aber ihnen gegenüber immer signalisiert, dass wir keine Empfehlung geben für die Zukunft einzelner Garagenhöfe. Uns interessiert nur, was hier passiert.

Grafik: Universität Leipzig
In Gesprächen wird oft von einer Gemeinschaft auf den Garagenhöfen gesprochen. In der Studie führen Sie an, dass zu DDR-Zeiten es noch eine Gemeinschaft gab, diese aber seit längerem auf dem Rückzug ist, nicht nur auf Garagenhöfen, auch in Kleingartenvereinen, z.B. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Man muss das etwas relativieren. Klar leben da immer noch Leute, die haben das gemeinsam aufgebaut, die kennen sich. Aber, dass das jetzt den gesamten Garagenhof einbeziehen würde, das sehe ich nicht. Selbst bei dem Jubiläumsfest waren nicht alle da. Aber ich verstehe komplett, dass Leute nicht einfach davon lassen können. Ich halte es dennoch für eine übertriebene Meinung, dass durch das Verschwinden eines Garagenhofes eine soziale Gemeinschaft zerstört würde.
Wie sehen und bewerten Sie den gelegentlich ins Spiel gebrachten Konflikt Ost-Menschen (in Garagen) vs. West-Menschen (in Rathäusern)?
Ich glaube das ist nicht so, das stimmt nicht, sonst wäre der Garagenhof schon längst weg. Die Leute aus Stadtpolitik und Stadtverwaltung, mit denen ich gesprochen habe, sind nicht so desinteressiert. Aber es gibt eben konkurrierende Ansprüche an diese Flächen. Soziologisch ist es interessant das zu begutachten, aber die Ost-West Diskussionen gehen häufig an den eigentlichen Konfliktlinien vorbei.
In Anger-Crottendorf beklagen sich einige Akteure vom Garagenhof und darüber hinaus, dass mit ihnen nicht gesprochen wird. In den Jahren 2022/ 2023 gab es allerdings über 30 Veranstaltungen im Stadtteil mit Charakter von Bürgerinformation/ Bürgerbeteiligung. Sie schreiben in ihrer Auswertung: “Mitunter wird selbst dann ein ausbleibender Dialog beklagt, wenn gerade mit politischen Vertreter:innen gesprochen [wird].” Wie ist das gemeint? Wie bewerten Sie das?
Am augenfälligsten war das beim 50-jährigen Jubiläumsfest. Das sitzt man mit Vertreterinnen und Vertretern von Die Linke und SPD beisammen und dann sagen die Verantwortlichen der Garagenvereine, mit uns redet keiner. Ich glaube, da wird bei manchen nicht unterschieden zwischen hier hört uns jemand zu und dort teilt jemand unsere Position. Das ist schwer aufzulösen. Dass die Stadtverwaltung punktuell vielleicht mal unglücklich kommuniziert hat, das kann sein. Aber, dass den Garagenvereinen niemand zuhört, dass stimmt auf gar keinen Fall.

Foto: ACA
Das individuelle Bauchgefühl sagt also etwas anderes. Aber wie soll man mit Menschen umgehen, die – vorsichtig formuliert – faktenfrei und beratungsresistent sind?
Das kann ich auch nicht sagen. So nehme ich die Lage aber auch war. Die Filmvorführung im Dezember war ähnlich gelagert. Man ist der Meinung, das Amt arbeitet gegen uns, das Amt arbeitet schlecht und prüft keine Alternativen. Man muss noch einmal trennen zwischen politischen Akteuren und Ämtern. Die städtischen Ämter müssen zeigen, was sie geprüft haben, was für Standort A spricht und was gegen Standort B. Und die politischen Akteure müssen das zur Kenntnis nehmen und dann entscheiden.
Volker Külow, Stadtrat für Die Linke mit Wahlkreis Altwest und selbsternannter Garagenversteher, nahm auch am 50-jährigen Jubiläum teil. In seinem Redebeitrag versprach er das Blaue vom Himmel, die Notwendigkeit eines weiteren Grundschulstandortes kam darin nicht vor. Daraufhin feierten die Garagenvereine in ihrem Blog: “Ein Fest das Hoffnung macht”. Das klingt etwas nach Polarisierungsunternehmer. Ist es nicht problematisch, wenn Politik Stimmung aufgreift und verstärkt, statt Dinge zu erklären?
Das ist problematisch und das sehe ich auch an der Stelle mit konkreter Kommunalpolitik. Man sieht aber auch, dass falsche Versprechungen hier ein Problem sind oder eben auch mäandernde Einstellungen. Das scheint mir auch in Mockau-West ein Problem zu sein. In gewisser Weise wird so getan, als könne alles zur gleichen Zeit gehen. Das geht in manchen Fällen, in manchen Fällen kann man vielleicht Kompromisse machen. In anderen Fällen, glaube ich, geht das nicht. Und das ist nicht zuletzt dann der Fall, wenn etwas gebaut werden soll.
Ich teile schon ihre Meinung. Da kommen stadtpolitische Auseinandersetzungen ins Spiel. Der Beigeordnete [für Stadtentwicklung und Bau, A.d.R.] wird als “die Grünen” wahrgenommen von konservativerer Seite und gesagt, lass die Garagengemeinschaft mal ihr Ding vertreten, ohne aber selbst Alternativen ins Feld zu führen.
Sie schreiben, dass “politische Akteur:innen eher selten vor Ort” waren? Hätte mehr Präsenz etwas verändert?
Ich hatte schon das Gefühl, das Thema hätte stärker bespielt werden können. Aber ich will nicht sagen, dass der Ausgang dann ein anderer wäre.
Vor kurzem meldete sich Katja Vogel mit einem offenen Brief zu Wort. Vogel ist Vorsitzende des Elternrates der Paul-Robeson-Schule in Wahren, die stark sanierungsbedürftig ist. Darin fordert sie die Stadträtinnen und Stadträte auf “nach Stellplatzalternativen für die Garagennutzer zu suchen”. Also genau das Gegenteil des aktuellen Handels. Bisher sollten immer nur andere Schulstandorte gesucht werden. Wäre damit eine Lösung möglich? Wie wahrscheinlich ist das?
Das kann ich schlecht beurteilen. Aus meiner Sicht ist eine Abstellfläche für ein Auto schneller geschaffen als eine Schule. Ob man dann mit der Anzahl der Stellplätze zurechtkommt, ist eine andere Frage. Ich kann mir aber vorstellen nach Härtefällen zu schauen. Bei 200 Garagen gibt es vielleicht 50 Härtefälle und gegebenenfalls findet man dafür eine Lösung. Häufig ist es auch eine Milchmädchenrechnung: Hier parken heute 200 Autos, wo sollen die morgen parken. Erfahrungsgemäß relativiert sich das und es braucht vielleicht für 50 Autos eine Alternative. Aber Stadt- und Verkehrsplanung ist nicht meine Expertise.
In den Schlussfolgerungen ihrer Studie stehen u. a. folgende Sätze: “Zu oft stießen wir auf Zuschreibungen und Unterstellungen von A gegenüber B, auf das Absprechen von legitimer Mitsprache, auf grundsätzliches Misstrauen gegenüber demokratischen Prozessen. Ohne ein solches Fundament werden kaum die einfachsten Probleme zu lösen sein, noch wird es mit darüber hinausreichenden Ideen etwas werden.” Wie beurteilen Sie die allgemeine Diskurslage und die Debattenkultur in Anger-Crottendorf?
Individuell habe ich mit den Leuten gut reden können. Das ging mir auf allen Garagenhöfen so. Bei der Kinoveranstaltung war das nicht mehr so. Das war keine Debattenkultur. Da war mir zu viel Unterstellung im Spiel von Ideologie und Desinteresse was die Gegenseite angeht. Und da sehe ich noch Reserven bei den Akteuren der Garagenvereine in Anger-Crottendorf, Unterschiedlichkeiten anzuerkennen und auch die Legitimität dieser anzuerkennen.
Abschließend, was raten Sie der Stadtverwaltung, der Stadtpolitik, den Garagenvereinen?
Im Umgang mit Garagenhöfen wünsche ich mir von Verwaltung und Politik mehr Mut, was Stadtumgestaltung angeht. Wir haben sehr viele Garagenhöfe, diskutieren aber über sehr wenige. Man muss sich nicht eine Auto-feindliche Politik vorwerfen lassen, weil man fünf von 200 Garagenhöfen einer anderen Nutzung zuschreibt. Von allen Akteuren sollte mit weniger Unterstellungen gearbeitet werden. Ich tue mich schwer mit dem Gedanken nach Alternativen für die Garagen zu suchen. Das verspricht immer etwas Gleichwertiges an anderer Stelle zu schaffen. Das ist schwierig. Aber man könnte nach Härtefällen schauen, und z.B. Parkbereiche für ältere Leute schaffen. In der Stadtpolitik kann nicht weiterhin alles nach dem Auto ausgerichtet werden, das führt zu nichts. Ansonsten plädiere ich dafür weiter im Gespräch zu bleiben, an den Stellen wo es geht. Also reden, reden, reden und am Ende muss es politisch entschieden werden. Und dann muss man anerkennen, wie die Entscheidung ausfällt.
Redaktion Anger-Crottendorfer Anzeiger (ACA)
Der Abschlussbericht der Studie „Garagenhöfe als Sozialräume?“ kann als pdf-Dokument auf der Homepage der Stadt Leipzig heruntergeladen werden.