„Am Aschermittwoch ist alles vorbei!“ So heißt es in einem Karnevalslied. Das dürfte übertrieben sein. Aber immerhin ist dann der Fasching vorüber. In christlicher Tradition beginnt danach die Passions- oder Fastenzeit. Früher bedeutete dies vor allem Fleischverzicht, die Sonntage ausgenommen. Heute fasten Christ*innen und Nicht-Christ*innen alles Mögliche: Alkohol, Schokolade und hoffentlich auch Stress.

Foto: Jens-Eberhard Jahn
In diesem Jahr begann gleichzeitig für Muslimas und Muslime der Fastenmonat Ramadan, in dem zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht gegessen und getrunken werden darf. Spätabends kommen Familie und Freunde zusammen, um dann zu feiern. Der Ramadan soll ein Monat erfüllter und friedvoller Begegnungen sein.
In diesem Jahr haben Ramadan und christliche Fastenzeit gleichzeitig begonnen
Fasten bedeutet Verzicht, verbunden mit Gewinn von Freiheit und der Erfahrung, wie es ist, wenn eben irgendetwas mal keinen Platz im Alltag haben soll. Dies kann bereichernd sein. Doch schon die alt-israelischen Propheten mahnten, dass die Herstellung einer gerechten Gesellschaft ein weit besseres Fasten sei als der Verzicht auf irgendetwas oder die Asche aufs Haupt. Der Prophet Jesaja beschrieb das „bessere Fasten“ recht eindrücklich: „Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass frei, die du unterdrückst, reiß jedes Joch weg!“ Klingt nach Marx, danach „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes […] Wesen ist“. Und spätestens somit erhält das Fasten eine gesellschaftliche und sogar politische Dimension.
Im Kirchenkalender folgt auf die Fastenzeit das Osterfest, auf die Erfahrungen, dass es auch mal anders geht, folgt die Auferstehung.
Hase und Ei sind Symbole für Geburt und Fruchtbarkeit
In vielen Kulturen finden zu ähnlicher Zeit Frühlingsfeste statt, mit denen die Auferstehung der Natur aus winterlicher Totenstarre gefeiert wird. Im christlichen Fokus steht die Auferstehung des Rabbiners Jesus, wie sie aus dem Neuen Testament überliefert ist. Sie soll in den Tagen des jüdischen Pessachfestes, dem im orientalischen Jahresverlauf ersten Erntedankfest, stattgefunden haben.
Die Bibel ist nun aber kein Tatsachenbericht, sondern eine Sammlung vieler Bücher aus vielen Jahrhunderten. Da gibt es Gesetzbücher, Lieder, Geschichten und Geschichtsbücher, Reden, Prophezeiungen und Briefe.
Der Apostel Paulus erzählt in seinen Briefen schon um das Jahr 50 unserer Zeitrechnung von der Auferstehung Jesu. Eigentlich hatte das gesamte jüdische Volk, das unter römischer Besatzung politische und religiöse Krisen erlitt, eine Art Auferstehung nötig.
Am Titusbogen in Rom gibt es ein Relief mit Menora und anderer Kriegsbeute
Die Autoren der Evangelien hatten noch eine weitere historische Erfahrung gemacht, als sie wiederum einige Jahrzehnte später zusammenfassten, was über Jesus von Nazareth überliefert war: den jüdischen Krieg. Der jüdische Aufstand gegen die römischen Besatzer des Landes im Jahr 70 war nicht nur erfolglos geblieben, sondern hatte in die Katastrophe geführt. Die Römer hatten den Tempel geplündert und zerstört und zehntausende Jüdinnen und Juden in die Sklaverei nach Rom verschleppt. Für eine Wiederbelebung des dadurch gebeutelten Judentums wäre vielleicht auch die Auferstehung Toter zielführend gewesen.

Foto: Jens-Eberhard Jahn
Ein belebender gesellschaftlicher Bezug auf das eher spirituelle Osterfest kann die soziale Dimension des Fastens ergänzen. Doch wer glaubt heute schon noch an die Auferstehung der Toten? Der bedeutende mittelalterliche Mystiker und Philosoph Meister Eckhardt hielt den Unterschied zwischen natürlichen und übernatürlichen Vorgängen allerdings schon zu seiner Zeit für unwesentlich und empfahl, dass man sich darum gar nicht erst kümmern soll. Einer der Gelehrten, die Meister Eckhardt am meisten beeinflusst haben, war Rabbi Moses ben Maimod, ein jüdischer Arzt und Philosoph aus Andalusien, besser bekannt als Maimonides. Er hatte für die Lektüre biblischer Texte einen einfachen Tipp: Wer geistig eher schlicht sei, solle den Text wörtlich nehmen. Wer aber mit wissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut sei, solle versuchen, den Text als Gleichnis, allegorisch, in einem übertragenen Sinn zu verstehen.
Im übertragenen Sinn tut Auferstehung und Befreiung aus Zwängen jeder und jedem gut: quicklebendig sein zur Gestaltung einer friedlichen und gerechten Gesellschaft. Das gilt eigentlich immer und überall und auch in Anger-Crottendorf.
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Der Beitrag „Kulturelle Aneignung: Ostern für Alle!“ von Jens-Eberhard Jahn erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.
Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger
