Leipzig will wieder mehr öffentliche Toiletten bauen

Warum sollte mensch sich mit dem Abwasserkreislauf beschäftigen? Weil er uns betrifft – täglich, leise, zuverlässig. Wir drücken die Spülung und das Thema verschwindet im Rohr. Solange das Klopapier nicht alle ist oder nichts verstopft, bleibt es unsichtbar. Zu Hause oder bei der Arbeit funktioniert das meist reibungslos. Doch wer länger auf dem Spielplatz steht, durch die Innenstadt streift oder im Park feiert, merkt schnell: Öffentliche Toiletten sind keine Nebensache. Für viele, insbesondere für Frauen, sind sie eine Frage von Sicherheit, Gesundheit und Würde.

Ein Blick zurück zeigt, wie eng Stadtentwicklung und Sanitärversorgung verbunden sind. Ende des 17. Jahrhunderts begannen die Leipziger Stadtväter, sich über den wachsenden Unrat in Straßen und Gewässern zu sorgen. Plumpsklos und Sickergruben waren damals üblich – zugleich Brutstätten für Keime und Auslöser von Cholera, Ruhr und anderen Krankheiten. Mit der Industrialisierung und dem rasanten Wachstum der Stadt wurde die Abwasserentsorgung existenziell. Die Kanalisation entstand, und um 1900 verfügte Leipzig über mehr als 150 öffentliche Bedürfnisanstalten – viele bereits mit Wasserspülung.

Rund 126 Jahre später sind sie weitgehend verschwunden. In einer wachsenden Stadt kehrt das Thema allerdings mit neuer Dringlichkeit zurück. Mit dem 2025 vom Stadtrat einstimmig beschlossenen “Gesamtstädtisches Umsetzungskonzept für öffentliche Sanitäranlagen der Stadt Leipzig” oder kurz “Toilettenkonzept” (VII-DS-09871-NF-01) will Leipzig nun wieder Anlagen in Parks, Spielplätzen und stark frequentierten Orten schaffen – zeitgemäß, barrierearm und nachhaltig. Öffentliche Toiletten kosten Geld: Wasser, Abwasser, Reinigung, Wartung. Deshalb wurden unterschiedliche Anbieter und Modelle in der jüngeren Vergangenheit getestet und der jährliche, finanzielle Aufwand kalkuliert.

Die Trockentoilette im Lene-Voigt-Park wurde während der Testphase 2025 sehr gut angenommen.
Foto: Gisela Ritschel

Das Thema Orte für Bedürfnisse stand auch im Mittelpunkt einer launigen Veranstaltung des Bürgervereins Anger- Crottendorf e.V. zum Welttoilettentag am 19. November 2025. Der Referent und Koordinator für öffentliche Sanitäranlagen in Leipzig, Marco Schlütter, erläuterte zu Beginn des Programms das Konzept der Stadtverwaltung, mit dem zukünftig mehr öffentliche Toiletten geschaffen werden sollen. Im Anschluss lief der Dokumentarfilm “Holy Shit” von Rubén Abruña. Der Film widmet sich einem oft übersehenen Thema, dem unterbrochenen Recyclingkreislauf menschlicher Ausscheidungen. Was in der Landwirtschaft mit tierischem Mist selbstverständlich ist, wird mit menschliche Fäkalien bislang kaum angewandt. Dabei zeigen Beispiele weltweit, wie durch Kompostierung oder Fermentation Dünger und sogar Wärme entstehen können – besonders dort, wo Kanalisation und wasserintensive Klärwerke fehlen.

Das Prinzip ist denkbar schlicht: sammeln, mit Pflanzen- fasern mischen, kompostieren, trocknen. Doch so einfach geht das hier nicht. In Deutschland dürfen menschliche Fäkalien bislang nicht als Dünger eingesetzt werden, da die rechtlichen Grundlagen dafür fehlen. Gleichwohl gewinnen sogenannte Trocken- toiletten schon heute immer mehr an Bedeutung. Sie benötigen keinen Wasser- anschluss, sind flexibel ein- und versetzbar und wurden 2024 bereits im Lene-Voigt-Park getestet – und übrigens auch bei jedem „Tanz in den Mai“ auf dem Trinitatisplatz, eine Veranstaltung, die der Bürgerverein Anger-Crottendorf e.V. seit Jahren organisiert. So auch in diesem Jahr wieder (s. letzte Seite).
Die Frage der Entsorgung ist also immer noch ungeklärt. Die Stadt Leipzig plant gemeinsam mit dem Zweckverband Abfallwirtschaft Westsachsen eine ordnungsgemäße Behandlungslogistik zu entwickeln. Mit Ratsbeschluss und Entsorgungslogistik werden 2026 im Lene-Voigt-Park und im Stadtteilpark Rabet feste Trockentoiletten zur Verfügung stehen – wenn das Geld reicht.

Und warum profitieren Frauen besonders? Weil Hygiene und Sicherheit keine Randthemen sind. Frauen menstruieren. Starke Blutungen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten oder mangelnde Waschgelegenheiten bergen gesundheitliche Risiken und schränken Bewegungsfreiheit ein. Öffentliche Toiletten sind deshalb auch Orte des Schutzes und der Selbstverständlichkeit.
Der Abwasserkreislauf ist also mehr als ein technisches Detail. Er erzählt von Stadtgeschichte, von Gesundheitspolitik und von der Frage, wie wir miteinander leben wollen. Manchmal beginnt Fortschritt eben dort, wo sonst nur gespült wird.