“Die Mieten steigen rasant. Es kommen immer mehr Haushalte an die Grenze des Leistbaren.” So klar formulierte es Anke Matejka bei einem Podiumsgespräch in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung am 19. Januar. Matejka ist Geschäftsführerin des Mietervereins Leipzig e.V., der sich um die Wahrung der Interessen von Mieterinnen und Mietern von Wohn- und Gewerberäumen bemüht. “Wir erleben immer öfter bewusste Verstöße von privaten Eigentümern gegen das Mietrecht. In etwa jedem zweiten Mietvertrag, den wir prüfen, wurde die Mietpreisbremse umgangen”, ergänzte Matejka bei der Veranstaltung in der Leipziger Burgstraße.
Die Mietpreisbremse ist ein gesetzliches Steuerungsinstrument für Neuvertragsmieten von Wohnungen. Sie gilt in Leipzig mit einem angespannten Wohnungsmarkt seit Juli 2022 und hat eigentlich das Ziel, dass Neuvertragsmieten ohne deutliche Verbesserung der Mietsache nicht beliebig hoch angesetzt werden können. Umgangen werden kann sie dennoch, sei es durch ein Bett, einen Stuhl und einen Tisch. “Die Wohnung wird möbliert vermietet”, liest man dann häufig in den Anzeigen und staunt über die aufgerufenen Preise.
Generell erlebt auch Leipzig eine krasse Spreizung zwischen Bestandsmieten und Angebotsmieten, letztere vor allem nach Sanierung oder Neubau. Auch in Anger-Crottendorf hat sich der Wohnungsmarkt in eine Schieflage entwickelt. Der ACA berichtete schon gelegentlich darüber und schaute sich nun auch wieder die aktuellen Entwicklungen an.
Möbliert wird es teuer
Die Mietpreisbremse erlaubt bei Neuvermietungen Mieten bis maximal 10% über Mietspiegel. Anders ist das bei möblierten Wohnungen, dann kann zugelangt werden.
In der ehemaligen Karl-Krause-Fabrik lässt sich ein komplett möbliertes Apartment mieten. Für 42 Quadratmeter Wohnfläche, verteilt auf ein Zimmer, werden 1.450 Euro/ Monat Kaltmiete aufgerufen.
Aus Arbeiterwohnungen werden hochpreisige Unterkünfte
Die Häuser Segerstraße 2 und Gregor-Fuchs-Straße 41 wurden bis Sommer 2025 saniert. Zuvor wurden sie leer gezogen, der “Altbestand” an Mietenden stand dem Vorhaben so nicht im Weg. Die Soziale Erhaltungssatzung, auch ein gesetzliches Steuerungsinstrument, welches die Wohnbevölkerung eines bestimmten Gebietes vor Verdrängungsprozessen schützen soll, die durch aufwendige Modernisierungen in Wohngebäuden verursacht werden, endet auf der anderen Seite der Segerstraße. Sie gilt also nicht für die kürzlich sanierten Häuser. Und so wurden aus Arbeiterwohnungen Unterkünfte mit opulenten Bäder mit Multimediaspielereien, abgehängten Decken mit umfangreicher LED-Beleuchtung, Echtholzparkett, großen Balkonen, Rollrasen und Warmmieten im vierstelligen Bereich. Für den Erstbezug auf knapp 73 Quadratmetern in der Gregor-Fuchs-Straße wurde im August 2025 z.B. eine Kaltmiete von 990 Euro/ Monat aufgerufen. Diesem “Lockangebot” wird sehr wahrscheinlich nach einem Jahr eine Mietpreisanpassung folgen – nach oben versteht sich.

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Methode: Zweckentfremdung
Gleich gegenüber in der Gregor-Fuchs-Straße 44 gibt es eine schöne Wohnung zu mieten. Unter der Beschreibung “Design Altbauwohnung mit Balkon und Parkplatz” lässt sich diese auf gängigen Internetportalen finden. Die möblierten 60 Quadrat- meter können ab 118 Euro angemietet werden – pro Nacht! Denn diese vier Wände werden als “Ferienwohnung” vermarktet und sind somit dem regulären Wohnungsmarkt entzogen.
Ob der Betrieb legal ist, konnte bis Redaktionsschluss nicht verifiziert werden. Denn die Nutzungsänderung einer baulichen Anlage von Wohnen hin zu gewerblichen Ferienwohnungen bedarf gemäß Sächsischer Bauordnung einer Baugenehmigung. Die Wohnung liegt zudem im seit 2020 geltenden Gebiet mit Sozialer Erhaltungssatzung, die einer solchen Umnutzung sehr enge Grenzen setzt und unter Genehmigungsvorbehalt seitens der Stadtverwaltung liegt.
Verspekuliert
In der Herbstausgabe 16/2022 berichtete der ACA über das Schicksal von Sandra Wehlisch, die sowohl ihr Atelier als auch ihre Wohnung aufgrund von Gentrifizierung und Spekulation am Immobilienmarkt verlor. Ihr Atelier befand sich in der “Zündkerzenwerkstatt”, ein zweistöckiges Werkstattgebäude im Hof der Dresdner 84. Dieses musste 2021 einem aktuell im Bau befindlichen Wohnkomplex weichen, ebenso wie die grüne Oase gleich nebenan mit vielen Starkbäumen. Ihre Wohnung befand sich damals in der Zweinaundorfer Straße 13. Das Gebäude kaufte 2022 ein Projektentwickler für 1,4 Mio Euro unter dubiosen Umständen. Sein Plan sah eine umfangreiche Sanierung vor hin zu hochpreisigen Wohnraum. Wehlisch wandte sich an die Stadtverwaltung. Das Haus liegt im Gebiet der Sozialen Erhaltungssatzung, die Stadt Leipzig hätte ein Vorkaufsrecht, um das Milieu zu erhalten. Sie tat es aus verschiedenen Gründen nicht. Kurz nachdem Wehlisch als letzte Mieterin ihren Auszug bekannt gab, realisierte der Eigentümer, dass er sich verspekuliert hatte. Seine Rechnung ging nach zwischenzeitlicher Inflation, Baupreissteigerung und ausbleibenden Interessenten nicht mehr auf. Er verkaufte 2024 schließlich das Haus mit Verlusten an den nächsten Projektentwickler, wie die Stadtverwaltung Wehlisch auf Nachfrage mitteilte. Der Neue hat nun die Fenster zugemauert. Nicht nur im Erdgeschoss, auch in der ersten Etage. Sicher ist sicher. Auch so kann man dringend benötigte Wohnungen dem Markt entziehen.

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Neubauten im Turboverfahren
Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) berichtete in der Ausgabe 17./18. Januar 2026 über den sogenannten Bauturbo und dessen Anwendung in Leipzig. Mit dem Gesetz, welches noch die Ampel-Regierung in Berlin angestoßen hatte, sollen Kommunen die Möglichkeit erhalten, Genehmigungs- verfahren zu straffen, indem sie von Bebauungsplänen abweichen können. Ziel ist es, dass schneller gebaut, nachverdichtet oder aufgestockt werden kann. Das Erstellen eines Bebauungsplans war bisher z.B. für Baugrundstücke über einem Hektar Fläche verpflichtend. Diese Verfahren dauern aber oft mehrere Jahre.

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Im Beitrag der LVZ nennt Baubürgermeister Thomas Dienberg (Bündnis 90/Die Grünen) ein konkretes Vorhaben im Stadtteil, bei dem das Schnellverfahren angewandt werden könnte. “In Anger-Crottendorf befindet sich südlich vom Ramdohrschen Park eine Gewerbefläche, die hauptsächlich von einem Gebrauchtwagen-Autohandel genutzt wird. Ein Investor will dort auf reichlich einem Hektar Wohnungen schaffen, was sich mithilfe des Turbo zügig genehmigen ließe.” Bei genauerer Betrachtung und unter Einbeziehung der genannten Flächengröße von “reichlich einem Hektar” betrifft das Vorhaben nicht nur den Autohandel, sondern auch die Garagen auf dem Nachbargrundstück. Wie es an dieser Stelle weitergehen wird, mit welchen Wohnungen zu welchen Preisen – und vor allem wie schnell – wird die Zeit zeigen. Die Leipziger Ratsversammlung jedenfalls beschloss am 25. Februar die Anwendung des Bauturbos.
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Mehr Informationen zur Sozialen Erhaltungssatzung,
unter: www.leipzig.de/stadterneuerung
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Der Beitrag „Der kaputte Leipziger Wohnungsmarkt nun auch in Anger-Crottendorf“ von Darius N. Ehrlicher erschien erstmals am 01.04.2026 im Anger-Crottendorfer Anzeiger 25/ 2026.
Alle Ausgaben des Stadtteilheftes stehen unter folgendem Link als Download zur Verfügung: www.bv-anger-crottendorf.de/anger-crottendorfer-anzeiger
